Weinberg, Mieczyslaw

Die Passagierin

Oper in zwei Akten, acht Bildern und einem Epilog, Klavierauszug in Deutsch, Englisch und Russisch

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peermusic Classical, Hamburg 2017
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 67

Der sow­jetis­che Kom­pon­ist pol­nis­ch­er Herkun­ft (1919–1996) schrieb seine Oper bere­its 1968, zur konz­er­tan­ten Auf­führung in Moskau kam sie erst 2006, und es dauerte noch weit­ere vier Jahre, bis sie zur szenis­chen Auf­führung bei den Bre­gen­z­er Fest­spie­len gelangte. Seit­dem feiert das Werk inter­na­tion­al große Erfolge, etwa 2015 mit ein­er Neuin­sze­nierung in Frank­furt und ein­er Auf­führung im Juni dieses Jahres
in der Dres­d­ner Sem­per­op­er.
Erzählt wird die Geschichte ein­er ehe­ma­li­gen KZ-Auf­se­herin in Auschwitz, die auf ein­er Schiff­s­reise eine über­lebende Inhaftierte wieder­trifft. Die Begeg­nung ruft die schreck­lichen Erin­nerun­gen auf, sie ver­mis­chen sich mit der Gegen­wart, mit weit­eren Per­so­n­en, die in die Er­innerung ger­at­en wie in einen unge­heuren Sog. Szenisch gelöst ist das Aufeinan­dertr­e­f­fen von Gegen­wart und Erin­nerung durch das Bespie­len von zwei Büh­nen, Ober- und Unter­bühne, zwis­chen denen die bei­den Frauen pen­deln. Kurz vor Ende der Oper set­zt die Hand­lung wieder am Beginn an, es kommt fast zu einem Gespräch, aber statt eines textlichen Dialogs find­et die Begeg­nung in der Erin­nerung eines KZ-Konz­erts statt, bei dem der zum Tode Verurteilte Tadeusz Bachs Cha­conne in d‑Moll spielt.
Mieczys­law Wein­bergs Men­tor war Schostakow­itsch, der sich sowohl für das Werk als auch für den Kom­pon­is­ten maßge­blich ein­set­zte und Die Pas­sagierin als Meis­ter­w­erk beze­ich­nete. Wein­berg und seine Fam­i­lie waren gle­ich von zwei Seit­en Opfer der welt­geschichtlichen Bewe­gun­gen. Von den frühen Pogromen um 1903 geze­ich­net, geri­eten sie in die Machen­schaften eben­so der Nazis wie später Stal­ins. Um­so mehr erstaunt, wie feinsin­nig und poet­isch mit dem Stoff umge­gan­gen wird, nicht plaka­tiv, son­dern wie stets eine men­schliche Prob­lematik im Zen­trum ste­ht.
Wein­bergs schw­er­mütig klangsinnliche Musik ver­fügt über eine Zitat­tech­nik, bei der bekan­nte Motive (Beethoven) vari­iert, Volk­slieder und Choräle bear­beit­et, Bachs schon erwäh­nte Cha­conne diegetisch einge­baut wer­den. Eine szenis­che Musik auch, die den einzel­nen Per­so­n­en Instru­mente zuord­net und sie in ein atmo­sphärisches Klang­far­blicht taucht. Daher kann ein Klavier­auszug nur begren­zt das Gesamt­bild der Kom­po­si­tion wiedergeben. Allerd­ings war Wein­berg auch Pianist und hat sein Werk am Klavier selb­st vor­ge­tra­gen und die Singstim­men dabei markiert.
Vor­liegende Aus­gabe basiert auf der Moskauer Erstaus­gabe von 1977, an der der Kom­pon­ist aller Wahrschein­lichkeit nach beteiligt war, mit dem abge­druck­ten Vor­wort von Schostakow­itsch. Eine Tex­tkri­tik gibt präzise Auskun­ft über die weit­eren hinzuge­zo­ge­nen Quellen. Die dreis­prachige Aus­gabe ist im Textbild sehr über­sichtlich. Auf die unter­schiedliche Rhyth­mik der Sprachen wurde großer Wert gelegt. Eine deutsche Fas­sung wurde eigens erstellt von Ulrike Patow. Das Libret­to des sow­jetis­chen Musik­wis­senschaftlers Alexan­der Med­wed­jew nach einem gle­ich­nami­gen Hör­spiel (das 1962 auch als Roman erschien) der pol­nis­chen Autorin Zofia Pos­mysz wurde in pol­nis­ch­er Sprache ange­hängt.
Stef­fen A. Schmidt