Grünsteudel, Günther

Die Oettingen-Wallersteiner Hofkapelle

Ein Beitrag zur Geschichte der Hofmusik in Süddeutschland

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg
erschienen in: das Orchester 10/2017 , Seite 60

Von seinen über 100 Sin­fonien hat Joseph Haydn drei späte – zwis­chen den sechs Paris­ern und den zwölf Lon­don­ern – im Auf­trag eines deutschen Fürsten­hofs im Nördlinger Ries geliefert, für Oet­tin­gen-Waller­stein. Dessen Fürst Kraft Ernst bestellte drei Sin­fonien bei ihm: Haydn schick­te die Num­mern 90 bis 92. Das waren zwar nicht die vom Fürsten, einem großen Haydn-Verehrer, gewün­scht­en Unikate, aber der adelige Herr ent­lohnte Haydn den­noch großzügig. Auf sein­er Reise nach Lon­don machte der Kom­pon­ist auch im Schwäbis­chen Halt. Dort war auf der Reise von Salzburg nach Mannheim auch der junge Mozart für kurze Zeit zu Gast, doch der Fürst war des her­ben Ver­lusts sein­er jun­gen Gat­tin wegen ger­ade da tief melan­cholisch und der Musik nicht zuge­tan. Vater Mozart hat­te übri­gens auch ein Konz­ert für zwei Hörn­er für die famosen Musik­er der Hofkapelle dort kom­poniert.
Die Geschichte der Oet­tin­gen-Waller­stein­er Hofkapelle berührt also die Welt­geschichte der Musik im 18. Jahrhun­dert und ist deshalb beileibe nicht nur von region­algeschichtlichem Inter­esse. Und mit Anto­nio Roset­ti und Joseph Reicha, dem Oheim von Anton Reicha, wirk­ten nicht unbe­deu­tende Musik­er als Leit­er der Hofkapelle in Waller­stein und der Som­mer­res­i­denz Schloss Hohenaltheim.
Der vor­liegende Band, mit dem der Autor seine langjährige Beschäf­tigung mit dem Gegen­stand krönt, bietet deshalb – beson­ders im ersten Teil – einen sehr lesens- und wis­senswerten Ein­blick in die Musikpflege am Hof von Oet­tin­gen-Waller­stein im 18. und frühen 19. Jahrhun­dert. Sehr anschaulich wird berichtet und mit vie­len Doku­menten belegt, wie die Musikkul­tur an einem deutschen Fürsten­hof jen­er Zeit aus­sah. Wie um die Jahrhun­dert­mitte die Blüte unter kun­st- und musik­lieben­den Fürsten begann. Oet­tin­gen-Waller­stein galt unter dem erwäh­n­ten Fürsten Kraft Ernst als „schwäbis­ches Mannheim“ und stand gemessen an sein­er Größe für eine aus­geze­ich­nete Musikpflege und Orch­esterkul­tur. Im Lauf des 19. Jahrhun­derts aber erlosch der Glanz immer mehr und die Kapelle löste sich als­bald auf. Das Foto eines Sex­tetts um 1860 doku­men­tiert das „let­zte Häu­flein“.
Gün­ther Grün­s­teudels Buch überzeugt durch die akribisch und – was den Leser freut – anschaulich aufgear­beit­ete Mate­ri­alfülle. Dafür sor­gen auch die zahlre­ichen Abbil­dun­gen. Der Band bietet lebendi­ge und gle­ichzeit­ig gründliche (Musik-) Geschichtss­chrei­bung, die nicht nur dem am konkreten Gegen­stand Inter­essierten gefall­en und nützen wird. Sie wirft überdies exem­plar­isch einen Blick auf das Musik­leben an einem Fürsten­hof in den spät­feu­dalen Zeit­en und auf die Leben­sum­stände der dort täti­gen Musik­er und ihrer Dien­s­ther­ren. Damit bietet sie auch ein Stück Sozialgeschichte.
Der zweite Teil des fak­ten­re­ichen Buchs ist enzyk­lopädisch angelegt und bringt neben Tabellen der Musik­er der Hofkapelle und Inven­tarlis­ten vor allem Biografien der Mit­glieder der Hof­musik in Oet­tin­gen-Waller­stein. Auch diese sind span­nend zu lesen, weil sie den son­st meist namen­losen Musik­er aus ver­gan­genen Zeit­en ein Gesicht geben.
Karl Georg Berg