Michael Kraus

Die musikalische Moderne an den Staatsopern von Berlin und Wien 1945–1989

Paradigmen nationaler Kulturidentitäten im Kalten Krieg

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler
erschienen in: das Orchester 12/2017 , Seite 59

Mit der erfol­glosen Urauf­führung von Post­meis­ter Wyrin, ein­er Oper von Florizel von Reuter, eröffnete im Jahr 1946 Ernst Legal, der erste Nachkriegsin­ten­dant der Berlin­er Staat­sop­er, sein Haus: „Die Staat­sop­er muss in den Stand geset­zt wer­den, Werke her­auszubrin­gen, in denen sich wer­dende Kräfte anmelden, die für die Zukun­ft wichtig wer­den kön­nen.“ Dazu soll­ten Werke wie Paul Dessaus Verurteilung des Lukul­lus, Richard Mohrhaupts Bre­mer Stadt­musikan­ten oder die mod­er­nen Bal­lettpro­duk­tio­nen von Tat­jana Gsovsky gehören.
In Wien eröffnete man schon 1945 mit Mozarts Hochzeit des Figaro. Der erste Nachkriegs­di­rek­tor der Wiener Staat­sop­er, Franz Salmhofer, set­zte auf vorhan­denes Reper­toire, bevor er Werke zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­is­ten aufs Pro­gramm set­zte: Arthur Honeg­gers Johan­na auf dem Scheit­er­haufen, Rolf Lieber­manns Pene­lope und Straw­in­skys The Rake’s Progress.
Die Berlin­er wie die Wiener Staat­sop­er waren als Repräsen­tan­tinnen zweier sich neu bilden­der Staat­en Aus­tra­gung­sorte eines „Kul­turkampfs“ und „Auf­marschge­bi­et für ide­ol­o­gis­che Schar­mützel“, die in dem Buch von Michael Kraus, der durch aufwendi­ge Recherchen bish­er unbekan­ntes Archiv­ma­te­r­i­al erschloss, erst­mals detail­liert nachvol­lziehbar sind. Der behan­delte Zeitraum markiert „eine Peri­ode, die stark vom Antag­o­nis­mus zwis­chen dem kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem (West) und dem sozial­is­tis­chen Sys­tem (Ost) geprägt war“, trotz aller wahrzunehmenden kun­st­poli­tis­chen Auswe­ich­manöver in Ost wie West während der wech­sel­nden poli­tis­chen Großwet­ter­la­gen und Inten­danzen. In Berlin waren das Hein­rich Allmeroth, Max Burghardt, Hans Pis­chn­er und Gün­ter Rimkus, in Wien Her­mann Juch, Karl Böhm, Her­bert von Kara­jan, Egon Hilbert, Egon Seefehlner, Lorin Maazel und Hel­mut Drese, um nur die wichtig­sten zu nen­nen.
„Während man in Wien bei der Mod­erne die Verbindung mit der Ver­gan­gen­heit“ gesucht habe, habe man sich an der Berlin­er Lin­denop­er bemüht, „den Fortschritt und den Welt­frieden zu fördern, indem man neue ‚sozial­is­tis­che‘ Werke urauf­führte. Der Erfolg dieser Bemühun­gen war allerd­ings beschei-den“, so Kraus. In Wien, wo man vor allem den „Mythos von der unpoli­tis­chen Kun­st pflegte“, habe seit den 1970er Jahren mehr und mehr „Still­stand, wenn auch auf hohem Niveau“ geherrscht. In der Berlin­er Staat­sop­er kamen zwischen1945 und 1989 immer­hin sechzehn Werke zur Urauf­führung, in Wien ganze drei. Aber „nicht ein einziges von diesen Werken hat über­lebt“, so liest man. Schließlich wur­den „kul­tur­poli­tis­che Visio­nen zunehmend durch ökonomis­che Erwä­gun­gen erset­zt“, in West wie in Ost, resümiert der Autor.
Das sehr sach­lich geschriebene, mit vie­len Anmerkun­gen und einem her­vor­ra­gen­den Per­so­n­en- und Werkreg­is­ter verse­hene Buch ist als Nach­schlagew­erk außeror­dentlich wertvoll und nüt­zlich.
Dieter David Scholz