Wagner, Richard

Die Meistersinger von Nürnberg

Klavierauszug nach der Gesamtausgabe, hg. von Egon Voss

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 69

Auf­führung­sprax­is, Quel­len­studi­um, Urtext – mit Begrif­f­en wie diesen assozi­ieren wir gewöhn­lich Alte Musik, will sagen: Musik aus ein­er Zeit, die mit der unsri­gen keine lück­en­lose Auf­führungstra­di­tion mehr verbindet. Musik, zu deren Ursprün­gen wir neue Wege erschließen müssen, um sie in ihrem eigentlichen Idiom ver­ste­hen zu ler­nen. Was hät­ten Über­legun­gen wie diese mit Richard Wag­n­er zu tun? Jen­em Schöpfer schw­ergepanz­ert­er Kolos­sal­dra­men, der uns allein durch das alljährliche Bayreuth-Defilée zutief­st ver­traut ist. Er ist ein­er von uns, seine Musik spricht unmit­tel­bar zu uns, Über­set­zung­shil­fen sind nicht erforder­lich…
Die vor­liegende Pub­lika­tion beweist die Unrichtigkeit dieser Annahme: Egon Voss, Edi­tion­sleit­er der neuen Wag­n­er-Gesam­taus­gabe und ein­er der pro­fil­iertesten Wag­n­er-Ken­ner unser­er Zeit, weist im Vor­wort des neuen Meis­tersinger-Klavier­auszugs darauf hin, dass die Etablierung jen­er spez­i­fis­chen Meis­tersinger-Tra­di­tion als der Fest- und Nation­alop­er erstens kon­trär zu Wag­n­ers Absicht­en ste­ht und zweit­ens auch Prob­le­men des Noten­texts anzu­las­ten ist. Wie bere­its in der Par­ti­tur der neuen Gesam­taus­gabe (erschienen beim Ver­lag Schott), so sind auch im daran anknüpfend­en Klavier­auszug diverse Unko­r­rek­theit­en, die seit dem Erscheinen des Erst­drucks 1868 in der Welt waren, nun­mehr getil­gt. Es han­delt sich zuvorder­st um dynamis­che und artiku­la­torische Vorschriften Wag­n­ers, die der Erst­druck entwed­er ver­fälschend wiedergibt oder glatt unter­schlägt. Hier aber liegt der Ursprung jen­er kri­tis­chen Stim­men, die – um mit Niet­zsche zu reden – das Werk als “über­ladene, schwere Kun­st” beze­ich­net und Wag­n­ers Musik “derb und grob” genan­nt haben.
Wag­n­er nen­nt sein Werk noch 1861 expliz­it eine “große komis­che Oper”, ihm schwebte zweifel­los ein leichter­er, hellerer Klang vor, als wir ihn heute meist vernehmen. Er set­zte genaue Crescen­do- und Dimin­u­en­do-Zeichen, häu­fig find­et sich die Beze­ich­nung più piano (aus der der Erst­druck ein schlicht­es piano machte). Beson­ders inter­es­sant ist Wag­n­ers dif­feren­zierte Ver­wen­dung der Punk­te und Keile: Im Erst­druck wur­den diese bei­den Zeichen ohne Unter­schied zu Punk­ten vere­in­heitlicht. Tat­säch­lich scheint Wag­n­er den Keil dur­chaus kon­se­quent im Mozart’schen Sinn einge­set­zt zu haben: als Zeichen für sehr kurze Artiku­la­tion und zugle­ich als Indika­tor zur Aufhe­bung der gewöhn­lichen Phrasierung­shier­ar­chie. Keile über ein­er Achtelkette bedeuten: deut­lich­ste Tren­nung sowie Gle­ich­heit der Beto­nun­gen!
Als wis­senschaftliche Leis­tung, vor allem aber als Stim­u­lans zur Über­win­dung inter­pre­ta­torischen “Schlen­dri­ans” kann dieser Klavier­auszug – der pianis­tisch auf der grandiosen, tech­nisch sehr anspruchsvollen Ver­sion des Wag­n­er-Ver­traut­en Karl Klind­worth basiert – nur nach­drück­lich gelobt und zur Ver­wen­dung bei allen zukün­fti­gen Ein­studierun­gen emp­fohlen werden!

Ger­hard Anders