Alfred Brendel/Peter Gülke

Die Kunst des Interpretierens

Gespräche über Schubert und Beethoven

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler
erschienen in: das Orchester 07-08/2021 , Seite 63

Nur zwei Fra­gen bleiben nach Chris­t­ian Cösters Über­ar­beitung sein­er Dis­ser­ta­tion über Genese, ästhetis­che Struk­tur und biografis­che Hin­ter­gründe von Richard Strauss’ „bürg­er­lich­er Komödie mit sin­fonis­chen Zwis­chen­spie­len“ op. 72: Warum denkt man sich noch immer „nur“ Garmisch als Schau­platz dieser luzi­den Oper,
obwohl Strauss und seine Ehe­frau Pauline zum biografis­chen Anlass 1902 ihr Dom­izil im ober­bay­erischen Mar­quart­stein hat­ten? Zum anderen hat man nach Lek­türe der pro­fun­den, aus­geze­ich­neten Studie noch immer keine Antwort darauf, wer das his­torische Vor­bild zum „Schnor­rbaron“ Lum­mer war.
In Basel stand ger­ade die Insze­nierung von Her­bert Fritsch auf dem Spielplan, aber son­st machen Leitun­gen gerne einen Bogen um die Selb­st-Exhi­bi­tion Strauss’, der in seinen Bemühun­gen um eine rück­wärts gewandte Erneuerung der Kon­ver­sa­tion­sop­er den kurz nach der Dres­d­ner Urauf­führung 1926 begin­nen­den Boom der „Zeitop­er“ äußerst eigen­willig vorwegnahm.
Vor allem muss man Cöster dafür dankbar sein, dass er die Leg­en­den und die von vie­len Seit­en kol­portierten „entset­zlichen Szenen“, deren Strauss’ Ehe­frau Pauline bezichtigt wurde, objek­tivierend reflek­tiert. Die Abschnitte über die Spuren von Strauss’ per­sön­lichen Ehevorstel­lun­gen in Die Frau ohne Schat­ten und in Inter­mez­zo – dessen Textbuch Strauss schließlich, nach den ihn nicht befriedi­gen­den Entwür­fen des Dra­matik­ers Her­mann Bahr, selb­st geschrieben hat­te – gehören zu den spannendsten.
Cöster erörtert auch die Ent­frem­dung des Kom­pon­is­ten von Willy Levin, den er in der Fig­ur des Kom­merzien­rates zur Büh­nen­fig­ur machte. Deut­lich wird, wie Strauss auf Grund­lage der Auseinan­der­set­zung mit Ehekomö­di­en von Her­mann Bahr und Fig­urenkon­struk­tio­nen der frühen Mod­erne das im eige­nen Schaf­fen und  entste­hungszeitlichen Kon­text ein­ma­lige Pro­jekt ein­er fil­mar­ti­gen „Ner­venkomödie“ ohne ein­deutige drama­tis­che Höhep­unk­te mit der laten­ten Gliederung in fünf aktähn­liche Abschnitte aus­führte. Die Studie ermöglicht wis­senschaftlich legit­imierten Voyeurismus.
Auf Basis von Cösters Neuedi­tion der Briefwech­sel von Strauss, Willy Levin und Hans Som­mer, mit dem Strauss seit sein­er Zeit als Kapellmeis­ter am Nation­althe­ater Weimar Kon­takt hat­te, offen­baren sich auf­schlussre­iche kreative Lin­ien. Cöster würdigt Som­mers Oper Saint Foix (1894) als dra­matur­gis­ches Vor­bild für den zweit­en Akt des Rosenkava­lier und für die auf flüs­sige, leichte San­glichkeit aus­gerichtete Grund­hal­tung der Inter­mez­zo-Par­ti­tur. Auch Eugen d’Alberts Dreieck­skomödie Die Abreise wird in ihrer Bedeu­tung als Impuls­ge­ber für Inter­mez­zo reflektiert.
Indi­rekt begrün­det Cöster auch, warum sich, trotz der Ver­nach­läs­si­gung von Inter­mez­zo, mit Inter­pretinnen wie Elis­a­beth Söder­ström und Felic­i­ty Lott in Großbri­tan­nien eine feine Auf­führungslin­ie in der Lan­dessprache entwick­elte: Nie war Strauss den Gesellschaft­skomö­di­en Oscar Wildes näher.
Roland Dippel