Andreas Rawitzer

Die Kompositionsskizze zu Richard Wagners Die Walküre

Vollständige, kritisch kommentierte Edition

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ergon
erschienen in: das Orchester 06/2020 , Seite 64

Nur sechs Monate benötigte Richard Wag­n­er, um die Kom­po­si­tion­sskizze zu seinem Musik­dra­ma Die Walküre niederzuschreiben – eine erstaunlich kurze Zeit für ein Werk von fast vier Stun­den Dauer! Doch natür­lich: Die Skizze entspricht nicht exakt dem, was am Ende dann in der Par­ti­tur stand. Vielmehr lässt sich aus ihr erse­hen, wie inten­siv sich der Kom­pon­ist mit diesem Werk auseinan­der­set­zte, wie sorgfältiger daran feilte und verbesserte, strich und ergänzte – unschätzbar wertvolle Erken­nt­nisse für jeden, der sich mit dem Großmeis­ter des Musik­dra­mas und seinem OEu­vre auf wis­senschaftlichem Niveau befassen möchte. Allerd­ings lässt sich all dies lei­der auch nur dann erse­hen, wenn man mit Wag­n­ers Hand­schrift sehr ver­traut ist; der in dieser Hin­sicht nicht fundiertest geschulte Leser dürfte schon nach weni­gen Seit­en an der Sache verzweifeln. Für dieses Prob­lem schafft die vor­liegende Aus­gabe Abhil­fe. Andreas Raw­itzer, Musik­wis­senschaftler und Wag­n­er-Spezial­ist, hat sich die Mühe gemacht, die Kom­po­si­tion­sskizze zur Walküre Zeichen für Zeichen in mod­erne und sehr les­bare Noten­schrift zu über­tra­gen und diese Über­tra­gung dann auch noch Zeile für Zeile zu kom­men­tieren. So kann man in diesem 522 Seit­en starken Band nun also den höchst span­nen­den Prozess ver­fol­gen, wie Wag­n­er seine Musik unter seinen Text legt, notiert und wieder ver­wirft, durch­stre­icht und über­malt. Dabei ver­wen­dete der Kom­pon­ist meist zwei oder drei, vere­inzelt auch ein­mal mehr Noten­zeilen, die er zu Akko­laden zusam­men­fasste: In der Ober­sten ste­ht gewöhn­lich die Vokalpar­tie, in der bzw. den Unteren der (naturgemäß meist auf die wesentlichen Stim­men und Motive reduzierte) Orch­ester­part. Diese Akko­laden wur­den in der vor­liegen­den, im Quer­for­mat gehal­te­nen Aus­gabe jew­eils auf dem recht­en Blatt ein­er Dop­pel­seite abge­druckt, während auf dem linken die Kom­mentare ver­sam­melt sind. In diesen kom­men­tiert und erk­lärt der Autor beispiel­sweise das, was im Druck nicht mehr so klar sicht­bar ist wie in ein­er Hand­schrift, in der man etwa zwis­chen Bleis­tift- und Tin­tenein­trä­gen oder Notierun­gen mit unter­schiedlichem Schreib­druck unter­schei­den kann. Wo einzelne Pas­sagen in der Hand­schrift gän­zlich unle­ser­lich oder unvoll­ständig sind, bietet Raw­itzer im Kom­men­tar­bere­ich sog­ar Auszüge aus der Par­ti­tur­erstschrift oder endgülti­gen Par­ti­tur, oder er gibt Vorschläge, wie etwa eine nicht mehr leser­liche Phrase laut­en kön­nte. In einem Extrakapi­tel kann man dann auch noch nach­schla­gen, wo sich die Vokalparts dieser Skizze von der Par­ti­tur­erstschrift und der let­zten Fas­sung unter­schei­den. Durch die geschick­te Anord­nung von Noten und Kom­men­tar, aber auch durch die präzise For­mulierung der Kom­mentare ist diese Aus­gabe sehr über­sichtlich; Druck und Qual­ität sind gut – der Erken­nt­nis­gewinn ist enorm. Nicht nur für Wis­senschaftler, son­dern auch für Musik­er und selb­st für wag­ner­begeis­terte Musik­fre­unde dürfte diese Aus­gabe darob eine echte Bere­icherung der Wag­n­er-Bib­lio­thek darstellen!
Andrea Braun