Georg Christoph Biller

Die Jungs vom hohen C

Erinnerungen an die Thomaner

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Mitteldeutscher Verlag, Halle
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 60

Als die Men­schen in Dres­den zu den Zügen mit den Botschafts­flüchtlin­gen drängten, sang er in Heller­au die Zeile „Ein Land geht langsam in die Knie“, hör­bar von Polizeisire­nen „begleit­et“. Das war 1989. Drei Jahre später war er der 16. Thomaskan­tor nach Johann Sebas­t­ian Bach. In dieser Span­nung zwis­chen eigen­er Chor­erfahrung in der DDR und Leitung des tra­di­tion­sre­ichen Leipziger Chors unter West­be­din­gun­gen erin­nert sich Georg Christoph Biller an seine lange Zeit mit den „Thomassern“, wie sie sich selb­st nen­nen.
Es begin­nt mit seinem krankheits­be­d­ingten Rück­tritt im Jan­u­ar 2015, dann geht es zurück in seinen Geburt­sort Nebra, wo „wirk­lich nicht viel los war, heute ist es noch schlim­mer“. Aber es gab die Thoman­er im Radio, Bach statt Arbeit im Pfar­rgarten. Dem Rück­blick, den der Jour­nal­ist Thomas Bick­el­haupt aufgeze­ich­net hat, ist das erin­nernde, erzäh­lende Wort wohltuend anzumerken. Und auch wenn Biller selb­st sagt, „Man wacht ja nicht eines Mor­gens auf und verkün­det: ‚Ich werde Thomaskan­tor!‘“, so scheint dieser Weg doch unauswe­ich­lich und immer im Hin­ter­grund zu schweben.
Von Erhard Mauers­berg­er noch im Jahr des Probesin­gens für den Thoman­er­chor engagiert, erlebt Biller die „lebenslange Prä­gung“, trotz fehlen­der Pri­vat­sphäre und ohne Luxus. Schon als 16-Jähriger ste­ht er „mit Weisungs­befug­nis“ vor dem ganzen Chor. Erfreulich unei­t­el (auch, was die Erwäh­nung eigen­er Kom­po­si­tio­nen ange­ht) schaut Biller zurück, sowohl kri­tisch als auch anek­do­tisch. Dass er als Thomaskan­tor seinen „Jungs“ beibrachte, wie man ordentliche Schul­stre­iche anstellt, gehört eben­so dazu wie der Thoman­er Mar­tin Pet­zold, der sein Rus­sisch-Exa­m­en sin­gend absolvierte. Aber er erin­nert auch daran, was aus eini­gen sein­er Mit­sänger gewor­den ist, zeich­net genaue Porträts etwa des Musik­lehrers Rolf Reuter oder des Gesangspäd­a­gogen Bernd-Siegfried Weber.
Aber Biller find­et auch deut­liche Worte für die sich wieder­holen­den Ver­suche der DDR, Ein­fluss auf den Chor zu nehmen, ihn „weltlich­er“ zu machen, etwa durch Musikpro­gramme für ver­di­en­stvolle Genossen oder Arbeit­er­lieder. Dies, so Biller, geschah vor allem unter Hans-Joachim Rotzsch, „poli­tisch zuver­läs­sig, wendig“ und schließlich Stasi-belastet. Auch dafür find­et er klare Worte und wird, nach ein­er „hochnot­pein­lichen Befra­gung durch den Kirchen­vor­stand“,
dessen Nach­fol­ger.
Nun stand er auf der anderen Seite des Podi­ums, spürte eine gewisse Dis­tanz der Thomass­er, zu denen er selb­st mal gehörte. Es galt, das Span­nungs­feld zwis­chen Einzel­nem und der Gemein­schaft eben­so zu meis­tern wie den All­t­ag im Alum­nat: der jährliche Neube­ginn, mit jun­gen Sängern, die immer sel­tener aus kirch­lichen Eltern­häusern kom­men, die Stuben­struk­tur zu mod­ernisieren und trotz­dem mit ihr den spez­i­fis­chen Geist der Chorge­mein­schaft weit­erzugeben.
Ein Faz­it: Das Sys­tem Thoman­er funk­tion­iert nicht ohne Strenge. Nach nur 156 Seit­en – mit lei­der schwachen Fotos – muss man Billers engagierte Erin­nerun­gen schon zuk­lap­pen, das Buch hätte ruhig dick­er sein kön­nen.
Ute Grund­mann