Alexander Pinwinkler/Oliver Rathkolb (Hg.)
Die Internationale Stiftung Mozarteum und der Nationalsozialismus
Band 1: Politische Einflüsse auf Organisation, Mozart-Forschung, Museen und Bibliothek
Aufgrund seiner Popularität waren Werk und Persönlichkeit von Wolfgang Amadeus Mozart für die Nationalsozialisten von hoher Bedeutung. Mozart wurde instrumentalisiert als „deutsches Genie“ von überzeitlichem Wert. 1941 veranstaltete man in seiner Geburtsstadt Salzburg – mitten im Zweiten Weltkrieg – zu Mozarts 150. Todestag und zum 100-jährigen Bestehen der Stiftung Mozarteum Ehrentage. In Prag wurde zum Beispiel auf Anordnung aus der Verwaltung des Reichsprotektorats die Mozart-Villa Bertranka in Bertramhof umbenannt und mit deutschem Personal besetzt. Aufgrund seiner Geburt im Staatsgebiet Österreichs diente Mozart als konstruierte Legitimation zur politischen Verschwisterung Österreichs und Deutschlands. Zur nationalsozialistischen Ideologie unliebsame Aspekte wie Mozarts Mitgliedschaft bei den Freimaurern und die Zusammenarbeit mit dem „Juden“ Lorenzo da Ponte wurden geduldet, allerdings als peripher für Mozarts Schaffen rezipiert. Noch immer steht auf der Website des Mozarteums (https://mozarteum.at/geschichte, aufgerufen 26. April 2022) 1931 als Gründungsjahr des Zentralinstituts für Mozart-Forschung. Diesen „Gründungsmythos“ widerlegt Christoph Großpietsch in seinem Aufsatz „Zur Selbstinszenierung von Erich Schenk in Salzburg und Wien – Die Idee einer Zentralisierung der Mozart-Forschung“. Er resümiert nach Gründung des Zentralinstituts im November 1936 auffallend geringe Leistungen der agierenden Mitglieder betreffend Forschung und Edition.
Der Band zeigt den Ausschluss jüdischer und internationaler Wissenschaftler bis 1945 sowie eine marginale Mitwirkung von Frauen im Mozarteum-Umfeld. Die Karriere-Strategie zum Beispiel des wissenschaftlichen Mitarbeiters Erich Valentin, die diesem nach dem Zweiten Weltkrieg die fast lückenlose Fortsetzung seiner wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeiten ermöglichte, wird aus mehreren Perspektiven dokumentiert. Armin Brinzing beschreibt, wie die Stiftung Mozarteum an der Beschlagnahmung von Sammlungen aus kirchlichem Besitz eingebunden war. In den Entwürfen für die von 1940 bis 1945 geplante, allerdings nicht ausgeführte Gesamtausgabe der Werke Mozarts wurden diese allerdings nicht verwendet, wie Ulrich Leisinger in seinem Beitrag darstellt.
Das Mozarteum war Leihgeber für Ausstellungen wie „Große Deutsche in Bildnissen ihrer Zeit“, welche die staatlichen Museen in Berlin als Rahmenprogramm der Olympischen Sommerspiele 1936 ausrichtete, und „Berge, Menschen und Wirtschaft der Ostmark“ am Berliner Funkturm 1939.
Der Band bestätigt: „Die nach 1945 betriebene Legendenbildung von der politischen ‚Unbeflecktheit‘ einer Institution, die 1945 aus einem ‚bösen Traum‘ erwachte und nahtlos an die Zeit vor 1938 anknüpfen konnte, ist ein Trugbild“ (Johannes Honsig-Erlenburg, Mozarteum-Präsident).
Roland H. Dippel


