Wolfgang-Andreas Schultz

Die Heilung des verlorenen Ichs

Kunst und Musik in Europa im 21. Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Europa Verlag
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 58

Wenn ein Kopf und ein Buch zusam­men­stoßen, und es klingt hohl, ist denn das alle­mal im Buche?“, fragte der Apho­ris­tik­er Georg Christoph Licht­en­berg (1742–1799). Nein, nicht alle­mal, aber es kommt vor.
Der Buchti­tel ver­heißt ein großes Pro­gramm – mit deut­lich eso­ter­ischem Charak­ter. Das Buch hat neun Kapi­tel, von denen sechs Texte schon früher veröf­fentlicht wur­den und teil­weise ein paar Jahre alt sind. Das ist in Ord­nung. Nur hät­ten Autor und Lek­tor sie zu einem neuen Text verbinden sollen. Damit wären auch die vie­len Wieder­hol­un­gen des Immer­gle­ichen ver­schwun­den. Stattdessen lässt man den Leser ohne Lit­er­aturliste und Reg­is­ter heru­mir­ren, wobei dieser unter­wegs auf etliche Aus­drucks-, Sach- und Druck­fehler sowie auf eine unser­iöse Zitier­weise stößt.
Das starke Sprach­bild „Ver­lorenes Ich“ entstammt dem gle­ich­nami­gen Gedicht von Got­tfried Benn, das Schultz nir­gends voll­ständig abdruck­en ließ. Er kon­nte offenkundig einige Ver­szeilen ein­fach nur gut gebrauchen. Damit ist auch das Muster des gesamten Buchs beschrieben: massen­haft Zitate, die – unbeküm­mert um deren jew­eili­gen Kon­text – kom­piliert wur­den. Vom alten Ägypten bis in die Gegen­wart und auf dem weit­en Feld von Gott und Welt.
Der Autor – ehe­mals Pro­fes­sor für Musik­the­o­rie und Kom­po­si­tion in Ham­burg – beklagt die Entwick­lung der abendländis­chen Geis­tes­geschichte vom beseel­ten Kos­mos zum davon schließlich „abge­tren­nten Ich“. Ein Weg, der von Descartes’„cogito, ergo sum“ planiert wor­den ist. In der Kun­st beklagt er die Musik der her­rischen Schön­berg-Schule. Kein in die Natur einge­bet­tetes Ich mehr, son­dern nur die streng regle­men­tierte Arbeit am „Mate­r­i­al“. Bei­des ste­he – natür­lich neben anderem – für das „reduzierte Selb­st­bild“ des West­ens. Reduziert, denn vergessen und ver­drängt wor­den sei „das Ganze“: die mys­tis­che Natur-und Gotte­ser­fahrung.
Die Heilung des vom Ganzen „abge­tren­nten Ich“ sieht Schultz im Bud­dhis­mus. Welchen „Bud­dhis­mus“ er meint, erläutert er nicht, und bei den Begrif­f­en rund um das „Ich“ plädiert er sog­ar für den Verzicht auf Klärung und bevorzugt die unge­naue Rede. Vornehm­lich in philosophisch und wis­senschafts­geschichtlich luftleerem Raum. Manche – richti­gen – Beobach­tun­gen wer­den durch zer­ris­sene Kon­texte sog­ar falsch: starke Ähn­lichkeit­en zwis­chen mit­te­lal­ter­lich­er Mys­tik – die Europa ange­blich vergessen hat – und bud­dhis­tis­chen Vorstel­lun­gen sind eben nur Ähn­lichkeit­en und bedeuten für die prak­tizierte Kul­tur in Ost und West jew­eils Eigenes.
Die groben Ver­all­ge­meinerun­gen – das Abend­land, der Bud­dhis­mus, die Wis­senschaft – führen zur Beliebigkeit statt zu Erken­nt­nis­sen. Für den, der Bescheid weiß, ist die Lek­türe quälend. Wer etwas erfahren möchte, bekommt Schlag­wörter hier und Ger­aune da. Es klingt hohl.
Kirsten Lin­de­nau