Wolfgang Sandner

Die glorreichen Siebzehn

Die hr-Bigband

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Societäts-Verlag
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 62

Manche Büch­er haben Gebrauch­swert. Dann ste­ht etwas Wis­senswertes drin. Andere Büch­er besitzen Sen­ti­men­tal­itätswert. Die sprechen Gefüh­le an. Wieder andere ver­fü­gen über Erin­nerungswert, weil sie ein Ereig­nis doku­men­tieren, an dem der Leser teilgenom­men hat. Außer­dem gibt es noch welche, die sind entsprechend repräsen­ta­tiv aufgemacht und haben einen hohen Geschenkw­ert.
Das Buch über die „glo­r­re­ichen Siebzehn“ – gemeint sind die Mit­glieder der hr-Big­band – hat von allem etwas. Der feste Umschlag, die sei­di­ge Kaschierung, das hochw­er­tige Papi­er, das wohldurch­dachte, unauf­dringliche Lay­out und die Qual­ität der Fotos, auf denen das Band­mit­glied Oliv­er Leicht und der Foto­jour­nal­ist Hel­mut Fricke die Big­band-Musik­er sowie einige Gast­solis­ten und Orch­ester­si­t­u­a­tio­nen fest­ge­hal­ten haben, machen es zu einem ansprechen­den Fanob­jekt und Give-away an Gesprächs- und Geschäftspart­ner des Man­age­ments, bei denen es in Erin­nerung bleiben möchte.
Wolf­gang Sand­ners Texte porträtieren zunächst die Musik­er – achtzehn an der Zahl, denn auf der Posi­tion des Kon­tra­bassis­ten vol­l­zog sich ein Wech­sel von Thomas Hei­de­priem zu Hans Glaw­is­chnig, sodass bei­de vorgestellt wer­den. Die einzel­nen Artikel informieren über Biografien, Eigen­heit­en und musikalis­che Vor­lieben. Ein Porträt des Chefdiri­gen­ten Jim McNeely und des Geschäfts­führers Olaf Stöt­zler sowie eine knappe Zusam­men­fas­sung der Orch­estergeschichte run­den den Text­teil ab.
Die auf der hin­teren Umschlag­seite in ein­er Son­der­pres­sung beigepack­te CD enthält Kom­po­si­tio­nen von Jim McNeely. Die reg­uläre Han­del­saus­gabe wurde unter dem Titel Bare­foot Dances And Oth­er Visions mit Fug und Recht für die aktuelle Runde der Gram­my-Ver­lei­hung nominiert, was unter­stre­icht, dass aus dem ehe­ma­li­gen „Tan­zorch­ester des Hes­sis­chen Rund­funks“ eine der weltweit besten Big­bands wurde.
Seinem ein­sti­gen Men­tor Bob Brook­mey­er wid­mete McNeely Bob’s Here, indem er dessen Vor­liebe für Kon­traste, Stopps sowie Aus­dün­nun­gen und Verdich­tun­gen auf­greift. Eine weit­ere Hom­mage, Red­man Rides Again, überträgt das Klar­inet­ten­faible eines der bedeu­tend­sten Big­band­leader der 1920er Jahre, Don Red­man, in die Gegen­wart, und in den von einem Bild Hen­ri Matiss­es inspiri­erten Bare­foot Dances imi­tieren dun­kle Rhyth­men das Stampfen rit­ueller Tänz­er, über denen die Big­bandtöne hüpfen. Ähn­liche außer­musikalis­che Motive liegen auch Black Snow, A Glim­mer Of Hope, Falling Upwards und The Cos­mic Hodge-Podge zu Grunde.
Gle­ichzeit­ig lock­er und präzise spielt dieses Orch­ester, scharf akzen­tu­iert, mit exzel­len­ten Solis­ten und in ihrer Dynamik und Klangfär­bung bestens aus­tari­erten Sec­tions. Dabei bleiben auch indi­vidu­elle Charak­ter­is­ti­ka in den Tut­ti erhal­ten: eine hohe Kun­st, durch eine Mis­chung aus Diszi­plin und Per­sön­lichkeit einen homo­ge­nen Gesamtk­lang entste­hen zu lassen.
Buch und CD bieten eine Momen­tauf­nahme des Orch­esters. Es spricht weniger die Musik­wis­senschaftler, dafür umso mehr die Fans und Part­ner der hr-Big­band an.
Wern­er Stiefele