Bauer, Oswald Georg

Die Geschichte der Bayreuther Festspiele

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2016
erschienen in: das Orchester 03/2017 , Seite 60

Über vierzig Jahre ist es her, dass die Arbeits­ge­mein­schaft „100 Jahre Bayreuther Fest­spiele“ die ersten Bände ein­er umfassenden Fest­spielgeschichte her­aus­gab. Das ambi­tion­ierte Forschung­spro­jekt sollte jedoch Stück­w­erk bleiben: Obwohl bin­nen zwölf Jahren dreizehn Büch­er von zehn Autoren erschienen, blieben zen­trale geplante Teilaspek­te gän­zlich unbe­han­delt.
Umso mehr beein­druckt, was Oswald Georg Bauer mit sein­er zweibändi­gen Geschichte der Bayreuther Fest­spiele auf 1292 Seit­en und mit 1111 meist far­bigen Abbil­dun­gen zus­tande gebracht hat. Der The­ater­wis­senschaftler, frühere Dra­maturg und Pressechef der Bayreuther Fest­spiele hat mehr als ein Viertel­jahrhun­dert lang gesucht, gesam­melt und gesichtet, hat aus vie­len, teils bish­er nicht zugänglichen Quellen und aus dem haut­nah Miter­lebten im Allein­gang ein chro­nol­o­gis­ches Stan­dard­w­erk geschaf­fen, das große Lück­en der Zen­te­nar­i­ums-Rei­he schließt.
Die real und inhaltlich schw­ergewichti­gen, superb bebilderten Bände deck­en die Zeit von der ersten Fest­spielidee Wag­n­ers anno 1850 bis hin zum Jahr 2000 ab, sin­n­fäl­lig aufgeteilt in die ersten hun­dert Jahre und in die Ära von Neubayreuth, die eher aus Rück­sicht denn aus plau­si­blen Grün­den nicht detail­liert bis in die jüng­ste Gegen­wart fort­geschrieben wird. Was nicht ver­wun­dert, war der Autor doch von 1974 an ein maßge­blich­er Mitar­beit­er des Reko­rd­fest­spielleit­ers Wolf­gang Wag­n­er. Dass Bauer seinen ehe­ma­li­gen Chef eher in Schutz nimmt denn kri­tisiert, während er Wieland, den Kro­n­prinzen­brud­er, ungeschönt präsen­tiert, ist erk­lär­lich, aber schade. Vielle­icht sollte man dem Autor dieser Herkule­sar­beit ein­fach zugeste­hen, seine Hal­tung und Mei­n­ung zu haben.
Bauers Fest­spielgeschichte ist für Opern- und Wag­n­er-Fre­unde und alle, die es wer­den wollen, ein Muss, ja, mehr noch, ein ver­i­ta­bles Geschenk. Gut häp­pchen­weise und quer­beet zu lesen, liefert sie Fak­ten und Wer­tun­gen, ver­tieft vorhan­denes Wis­sen, bietet neue Erken­nt­nisse und frischt Erin­nerun­gen auf. Während er die Fam­i­lien-Seifenop­er, wo es nur geht, kon­se­quent links liegen lässt, zeigt der Autor deut­lich auf, warum die Mut­ter aller Fest­spiele ein schreck­lich genauer Spiegel deutsch­er Geschichte ist. Das ist die eine Seite der Medaille.
Hier, in Bauers Chronik mit ihren beispiel­haften Beschrei­bun­gen der Fest­spiel-Neuin­sze­nierun­gen, gilt’s vor allem der Wagner’schen Musik­the­aterkun­st. Dem avant­gardis­tis­chen Chéreau-Ring von 1976 bis 1980 wid­met der Autor zu Recht allein sechzig Seit­en. Und lässt – was er später nur noch einem Solis­ten­paar zugeste­ht – Brünnhilde Gwyneth Jones und Wotan Don­ald McIn­tyre gle­ich mehrfach „das Dach vom Fest­spiel­haus sin­gen und die Sterne vom Him­mel holen“. Wom­it er alle auf sein­er Seite hat, die das miter­leben durften.
Kurz und klar ver­wirft er das Bayreuth im neuen Jahrtausend, um mit Emphase zu ver­sich­ern: „Nichts ist zu Ende. Alles liegt noch vor uns.“ Was bitte unter anderem heißen möge, dass der Ver­lag bei der 2. Auflage das notwendi­ge Per­so­n­en- und Sachreg­is­ter real­isiert.
Moni­ka Beer