Udo Bermbach

Die Entnazifizierung Richard Wagners

Die Programmhefte der Bayreuther Festspiele 1951-1976

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: J. B. Metzler/Springer
erschienen in: das Orchester 11/2020 , Seite 59

Musikan­ti­quare kön­nen ein Lied davon sin­gen, dass die Pro­grammhefte der Bayreuther Fest­spiele in ihrem Bestand meis­tens wie neu sind. Warum? Weil wohl nur wenige Wag­ne­r­i­an­er die fünf bis sieben­teili­gen Fest­spiel­som­merkon­vo­lute auch gele­sen haben. Zumin­d­est ein­er hat die von der Fest­spielleitung her­aus­gegebe­nen Pub­lika­tio­nen aus den Jahren 1951 bis 1976 jet­zt genauer unter die Lupe genom­men: Udo Bermbach, seines Zeichens emer­i­tiert­er Poli­tologe, der sich seit Jahrzehn­ten inten­siv mit Richard Wag­n­er beschäftigt, als dra­matur­gis­ch­er Berater für Jür­gen Flimms Ring-Insze­nierung am Grü­nen Hügel wirk­te und eine Vielzahl von Wag­n­er-Büch­ern veröf­fentlicht hat, die zu den Stan­dard­w­erken zählen. Zulet­zt hat er immer wieder The­men beack­ert, die noch kein Wag­n­er-Forsch­er sein­er Gen­er­a­tion so aus­führlich behan­delt hat: „Wag­n­ers Schwiegersohn und Hitlers Vor­denker“ Hous­ton Stew­ard Cham­ber­lain, dem er eine Mono­grafie wid­mete, Wag­n­ers Weg zur Leben­sre­form­be­we­gung und jet­zt die Fest­spiel-Pro­gramme der Ära von Neubayreuth.
Der Titel Die Ent­naz­i­fizierung Richard Wag­n­ers ist provozierend gemeint, aber irreführend. Denn nach dem Zweit­en Weltkrieg musste nicht der 1883 ver­stor­bene Wag­n­er, son­dern das Gros sein­er Nachkom­men und das nation­al­sozial­is­tisch verseuchte Fes­ti­val ent­naz­i­fiziert wer­den. Was übri­gens noch nicht erledigt ist, warten doch noch immer von der Fam­i­lie zurück­ge­hal­tene Doku­mente darauf, wis­senschaftlich gesichtet und kom­men­tiert zu wer­den. Selb­st bei den Pro­grammheften hat dies, wie Bermbach nach­weist, lange gedauert.
Während bei der Fest­spiel-Wieder­eröff­nung 1951 Wieland Wag­n­ers Par­si­fal-Insze­nierung schon den Weg in die abstrahierende „Entrüm­pelung“ aufzeigte, durften wendi­ge Pro­grammhef­tau­toren der NS-Zeit wie Hans Grun­sky, Zdenko von Kraft und Curt von West­ern­hagen erst­mal weit­er­schreiben. Das über­rascht nur vorder­hand, denn es entsprach let­ztlich dem, was auch in allen anderen Bere­ichen der jun­gen Bun­desre­pub­lik passierte. Erst ab Ende der 50er Jahre begann sich das auf der Bühne durch Wieland Wag­n­er bere­its etablierte mod­ernere Wag­ner­bild auch in den Beglei­theften zu spiegeln. Anstelle des Ger­ma­nenkults trat­en jet­zt die Antiken­rezep­tion und C. G. Jungs Arche­typen. Dass sich das kul­turelle und intellek­tuelle Kli­ma allmäh­lich wan­delte, wurde nun deut­lich­er auch in den Pro­grammheften ables­bar.
Mit Beiträ­gen von Theodor W. Adorno, Ernst Bloch und vor allem Hans May­er rück­te Neubayreuth immer mehr, immer deut­lich­er ab von den unter Wag­ne­r­i­an­ern gern gepflegten recht­skon­ser­v­a­tiv­en Posi­tio­nen – eine Entwick­lung, die mit der damals heftig umstrit­te­nen, inzwis­chen längst leg­endären Ring-Insze­nierung von Patrice Chéreau 1976 kul­minierte. Link­er als damals war Bayreuth ver­mut­lich nie! Und das liest sich richtig span­nend. Sofern man bis dahin durchge­hal­ten hat. Denn Udo Bermbach hätte, wie übri­gens so manch ander­er Pro­grammhef­tau­tor auch, einen guten Lek­tor gebraucht.
Moni­ka Beer