Wolfgang Seidel

Die Braut des Holländers

Berühmte Frauengestalten in der Oper

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Faber & Faber
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 65

Lulu schlägt über die Stränge, gesellschaftlich und per­sön­lich. Auch so kann man inter­pretieren, dass Autor Wolf­gang Sei­del die Zen­tralgestalt Frank Wedekinds und Alban Bergs eine „Bor­der­liner­in“ nen­nt. Der Lek­tor und nun auch Autor macht sich an ein beliebtes The­ma: Frauengestal­ten der Oper, berühmt müssen sie auch noch sein.
Wirkt das Cov­er wie das Plakat für ein ultra­mod­ernes Regi­ethe­ater (und trans­portiert doch nur Klis­chees), so geht es auch zwis­chen den Buchdeck­eln zur Sache. In dreimal Richard Strauss, vier­mal Wag­n­er und dreimal Ver­di – also einem Spiegel des Norm-Reper­toires – sowie in diversen Einzel­stück­en (von Agrip­pina bis Eugen One­gin) find­et Sei­del aller­lei Psychologisches.
„Spiel nicht mit den Schmud­delkindern“, emp­fiehlt er Car­men; Tosca scheint ihm „ein Fall für
#MeToo“ und bei Rigo­let­tos Gil­da find­et er gar „einen Hauch von Stock­holm-Syn­drom“. Im Vor­wort find­et sich, nicht immer stil­sich­er, vor allem Bekan­ntes. Ob Opern­frauen Frauen­rollen ihrer Zeit spiegeln, weil sie vor anspruchsvollem Pub­likum spiel­ten, mag man bezweifeln.
Das Fol­gende ist flott geschrieben und liest sich auch so weg. Die Außen­sei­t­erin­nen, die Anti­heldin­nen, die Sei­del den Lesern mit Schwung und viel heutigem Jar­gon vor­führt, haben es ihm beson­ders ange­tan. Da ist Car­men zwar klis­chee­haft eine „Zigar­ren­rol­lerin“, die die Män­ner zap­peln lässt, aber immer­hin „die erste emanzip­ierte Frau auf der Opern­bühne“. Und die kämpft eben nicht um Ehe­s­tand und Kinder­glück, son­dern um die Macht gegen und über die Män­ner. Genau­so hat Stephan Mär­ki Bizets Klas­sik­er 2018 in Bern insze­niert (auf DVD und bald im Staat­sthe­ater Cot­tbus zu sehen). Und in diesem Punkt ist Sei­dels Buch die Aufmerk­samkeit wert – er sucht, wonach auch Regi­eteams voller Eifer fah­n­den: die Aktu­al­ität oder wenig­stens den zeit­gemäßen Aufhänger für die Neuin­sze­nierung ein­er alten Oper. Wenn er also über Des­de­mona schreibt, sie sei „an einen emo­tion­al extrem labilen Mann ger­at­en“, der seine Dämo­nen auslebe, so lässt sich das, wieder in Cot­tbus, live erleben: in Jas­mi­na Hadži­ah­me­tovićs ful­mi­nan­ter Insze­nierung des Otel­lo.
So weit ist das lesens- und oft auch bedenkenswert. Dann aber, zur Hälfte des Buchs, ver­lässt Sei­del die Lust oder die Lin­ie an The­ma und Auf­bere­itung. Es gibt zwar nach wie vor chice Über­schriften – „Den Bal­sam nimm“ (Kundry),
„Die Walküre wal­tet frei“ – doch inhaltlich keinen Bezug mehr dazu.
Mehr und mehr wird das Buch zum nor­malen, aus­führlich nacherzäh­len­den Opern­führer, von denen es bessere gibt. Schon im Kapi­tel zu Verdis Rigo­let­to hat­te der Autor Gil­da zwar das „Stock­holm-Syn­drom“ attestiert, aber nicht ein­mal den Begriff erläutert. Und auch eine Erk­lärung, was die Opern­fig­ur mit der ent­führten Pat­ty Hearst zu tun haben kön­nte, die als erste diese krankhafte Kumpanei zwis­chen Opfer und Täter erlitt, sucht man vergebens. Das ist ärg­er­lich­er als so manche Unge­nauigkeit in diesem Opernbuch.
Ute Grundmann