Robert Schumann/Christian Jost

Dichterliebe

Stella Doufexis, Daniel Heide, Peter Lodahl, Horenstein Ensemble

Rubrik: CD
Verlag/Label: Deutsche Grammophon
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 67

Wenn das Herz im Leibe zer­sprun­gen, dann gehen die Lieder nach Haus.“ Dichter­worte von Hein­rich Heine (warum auf Englisch?) zieren das Cov­er dieser hochin­ter­es­san­ten Dop­pel-CD und sind als persönliches Cre­do des Kom­pon­is­ten Chris­t­ian Jost zu ver­ste­hen, ein Vermächtnis für seine vor zwei Jahren ver­stor­bene Ehe­frau Stel­la Doufex­is. Auf CD 1 befind­et sich mit ihr und Daniel Hei­de eine Ein­spielung der orig­i­nalen Schumann’schen Dichter­liebe sowie des Liederkreis­es op. 39 und besticht durch zurückgenommene Emotionalität im Gesangsstil und sehr sen­si­ble Klavier­be­gleitung.
Wer nun bei der „Neukom­po­si­tion“ von Chris­t­ian Jost einen Bezug zur avant­gardis­tis­chen Ästhetik von Hans Zen­ders kom­poniert­er Inter­pre­ta­tion von Schu­berts Win­ter­reise erwartet, wird ziem­lich überrascht: Josts Bear­beitung erweist sich als tra­di­tioneller in der Wahl der musikalis­chen Mit­tel, da- für aber zurückhaltender, feinsin­niger und dif­feren­ziert­er, weniger intellek­tuell und abstrakt im Kon­strukt, dafür umso emo­tionaler, aber nicht weniger abwech­slungsre­ich und recht­fer­tigt die zeitliche Aus­dehnung der Dichter­liebe auf gut eine Stunde Spiel­d­auer dur­chaus.
Die Lieder gehen kon­se­quent ineinan­der über, die Übergänge sind meist weich gestal­tet. Äußerst dicht in der Tex­tur mit vie­len Details arrang­iert, an der Gren­ze zur Überinstrumentation tritt das Ensem­ble oft in den Vorder­grund. Es gibt längere Vor­spiele oder aus­gedehnte Nach­spiele, manch­mal bei­des. Die Tex­tur der Singstimme ist meis­tens orig­i­nal, Schlusszeilen wer­den gern mehrfach ver­wen­det oder verändert. Die hinzukom­ponierten Abschnitte benutzen das musikalis­che Mate­r­i­al des jew­eili­gen Liedes, doch entste­ht manch­mal durch Ver­wen­dung von motivis­chen Pat­tern ein flächiger Ein­druck. Bei „Ich grolle nicht“ erklingt der erste Teil zweimal unter­schiedlich arrang­iert. Nur hier ist eine Berührung mit der Jazzästhetik zu erken­nen. Das berühmte Klavier­nach­spiel am Ende des Zyk­lus wird zwis­chen No. 10 und 11 einge­flocht­en, das kom­ponierte Ende wirkt sta­tisch ver­hal­ten.
Peter Lodahl gestal­tet den Zyk­lus solide und deklam­a­torisch schlicht, sein sängerischer Hauptschw­er­punkt scheint allerd­ings mehr bei der Oper zu liegen. Chris­t­ian Jost dirigiert das äußerst präzise und in der Bal­ance sehr aus­ge­wogen klin­gende Horen­stein Ensem­ble (die meis­ten Musik­er kom­men aus dem Berlin­er Konz­erthau­sor­ch­ester): mit dem Stre­ichquar­tett Sophia Jaffé und Jana Krämer-Forster, Matthias Benker und Andreas Timm sowie Yubeen Kim (Flöte), Ralf Forster (Klar­inette) und Ronith Mues (Harfe). Jan West­er­mann (Vibra- und Marim­ba­fon) sowie wiederum Daniel Hei­de (Klavier) ergänzen die ohne­hin schon ungewöhnliche Beset­zung. Ger­ade die Ver­wen­dung der tiefen Basstöne der Marim­ba und Bogen­ef­fek­te auf dem Vibra­fon machen den beson­deren Reiz der Klangästhetik aus.
Es gab und gibt Tourneen mit der Dichter­liebe in Deutsch­land, Dänemark und Südostasien. Bleibt zu wünschen, dass diese Neukom­po­si­tion ähnlich erfol­gre­ich wird wie die Zender’sche Win­ter­reise, die CD-Ein­spielung ist dazu ein großer Schritt, dieses span­nende Werk von Chris­t­ian Jost noch bekan­nter zu machen.
Kay West­er­mann