Poulenc, Francis

Dialogues des Carmélites

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Arthaus Musik 101493
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 73

Nur wenige Opern, die nach 1945 ent­standen sind, haben es zumin­d­est in das erweit­erte Reper­toire der Opern­häuser geschafft. Neben Straw­in­skys Rake’s Progress oder eini­gen Opern von Brit­ten gehört Fran­cis Poulencs Les dia­logues des Car­mélites dazu. Poulencs einzige große Oper wurde 1957 erfol­gre­ich in Mai­land uraufge­führt, im gle­ichen Jahr erfol­gte auch die deutsche Erstauf­führung in Köln. Poulencs Oper geht auf die Hin­rich­tung von 16 Karmeli­terin­nen 1794 während der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion zurück. Nach der Nov­el­le Gertrud Le Forts Die Let­zte am Schafott schuf Georges Bernanos eine auf der Nov­el­le basierende Büh­nen­fas­sung, die Poulenc als Grund­lage seines Libret­tos diente. Trotz der his­torischen Veror­tung in den bru­tal­en Wirren der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion ist Poulencs Oper über das Ster­ben der Karmeli­terin­nen kein his­torisieren­des Stück. Der seit den 1930er Jahren dem Katholizis­mus zuneigende Kom­pon­ist hat mit seinem Büh­nen­werk nach dem Ende des Zweit­en Weltkriegs einen Kon­tra­punkt zu dem Grauen und der Ent­men­schlichung des Faschis­mus geset­zt, dem er, ohne ide­ol­o­gis­che Scheuk­lap­pen zu zeigen, den Glauben ent­ge­genset­zt. Poulencs Oper, die in den Gesangspar­tien Par­al­le­len zu Debussy zeigt, von der Dra­maturgie eher von Mus­sorgsky bee­in­flusst ist, ver­lässt nie die erweit­erte Tonal­ität. Trotz großen Orch­ester­ap­pa­rats wer­den die Stim­men nicht zugedeckt.
Der Livemitschnitt aus der Ham­burg­er Staat­sop­er präsen­tiert das Werk in ein­er sehr inten­siv­en, auf ober­fläch­liche Aktu­al­isierun­gen verzich­t­en­den Sicht von Niko­laus Lehn­hoff, dessen streng stil­isierte Per­so­n­en­regie in der eher hand­lungsar­men, stark dialoggeprägten Oper überzeugt. Das spar­tanis­che Büh­nen­bild von Raimund Bauer ist weit­ge­hend leer, von hochauf­schießen­den, bedrohlichen Mauern geprägt, die am Ende auch zum Hin­rich­tung­sort der Glaubenss­chwest­ern wer­den. Wed­er gibt die Insze­nierung einem (möglichen) Rev­o­lu­tion­sspek­takel Raum noch bietet es Gele­gen­heit zum süßlichen Glauben­skitsch.
Unter der Stabführung ihrer Gen­eral­musikdi­rek­torin Simone Young bieten die Ham­burg­er Phil­har­moniker eine trotz kleiner­er Unge­nauigkeit­en sehr ansprechende Leis­tung, wobei die Far­bigkeit und das drama­tis­che Poten­zial der Par­ti­tur genau aus­tari­ert erscheint. Auf hohem Niveau präsen­tiert sich das Ensem­ble, wobei die Frauen­stim­men im Vorder­grund ste­hen, was die Leis­tung beispiel­sweise von Wolf­gang Schöne als Mar­quis de la Foce nicht schmälern soll. Die lyrische, darstel­lerisch sehr wan­del­bare Alex­ia Voul­gar­i­dou ist seine Tocher Blanche, die aus Lebens- und Tode­sangst in das Karmeliterk­loster ein­tritt. Ihr Wand­lung­sprozess bis hin zum frei­willi­gen Mar­tyri­um auf dem Schafott – sie ist die Let­zte, die den zum Tode verurteil­ten Non­nen frei­willig in den Tod fol­gt – wird sug­ges­tiv nachgeze­ich­net. Ein­dringlich auch die Alte Pri­or­in der Kathryn Har­ries. Eben­so überzeu­gend gestal­tet Anne Schwanewil­ms die Rolle der neuen Pri­or­in, Gabriele Sch­naut bewährt sich als Mère Marie. Da auch die kleineren Rollen eben­so wie der aus dem Off sin­gende Chor sich in bester Ver­fas­sung präsen­tieren, ist die Aufze­ich­nung dieser Poulenc-Oper aus dem Jahr 2008, die ihre Pre­miere schon 2003 in Ham­burg hat­te, eine überzeu­gende.
Wal­ter Schneckenburger