Werke von Ludwig van Beethoven, Modest Mussorgski, Franz Schubert und anderen

Detmolder Archivschätze

Zum 75-jährigen Bestehen der Hochschule für Musik Detmold. Historische Mitschnitte aus dem Fundus des Erich-Thienhaus-Instituts, Hans Richter-Haaser, Tibor Varga, André Navarra, Helmut Winschermann u. a.

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Genuin
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 68

Ihr 75-jähriges Beste­hen kon­nte die Hochschule für Musik Det­mold, die 1946 zunächst als Nord­west­deutsche Musikakademie eröffnet wor­den war, im Jahr 2021 feiern. Das Jubiläum gab den Impuls, musikalis­che Archivschätze zu heben, das heißt, Mitschnitte öffentlich­er Konz­erte zu sicht­en, die dort einst in der Aula bzw. Neuen Aula stat­tfan­den, und eine Auswahl daraus auf CDs zu veröf­fentlichen. Repräsen­tiert ist in dieser klan­glichen Doku­men­ta­tion der Zeitraum von 1966 bis 1981 und zu den Inter­pre­ten zählen namhafte Kün­stler, die zugle­ich in Det­mold unter­richteten, darunter als Promi­nen­teste der Pianist Hans Richter-Haas­er, der Geiger Tibor Var­ga, der Cel­list André Navar­ra und der Oboist Hel­mut Winschermann.
Dass in Det­mold ein reich­er Fun­dus an Ton­doku­menten vorhan­den war, ist nicht zulet­zt Erich Thien­haus zu ver­danken, der dort noch im Grün­dungs­jahr Dozent für Akustik und Instru­mentenkunde wurde und drei Jahre später das erste deutsche Ton­meis­ter-Insti­tut grün­dete. Gen­er­a­tio­nen von Studieren­den oblag es, im Rah­men ihrer Aus­bil­dung die Konz­erte der Hochschule mitzuschnei­den, sodass für die vor­liegende Veröf­fentlichung eher zu viel als zu wenig Archiv-Mate­r­i­al vorlag.
Die restau­ri­erten Fas­sun­gen hin­ter­lassen beim Hören erwartungs­gemäß den Ein­druck der his­torischen Auf­nahme, und das nicht nur tech­nisch, son­dern vor allem ästhetisch. Wenn Hel­mut Win­scher­mann in Bachs rekon­stru­iertem Konz­ert für Oboe d’amore BWV 1055R lieber weite san­gliche Bögen span­nte, als klein­teilig zu phrasieren, entspricht das sich­er nicht dem heute vorherrschen­den Zeit­geschmack. Beson­ders deut­lich wird der Live-Charak­ter beim Mitschnitt eines Klavier­abends des Pianis­ten Hans Richter-Haas­er, dem in der Emphase des ger­adezu hek­tisch wirk­enden Musizierens ungewöhn­lich viele falsche Töne unter­laufen. Da ver­söh­nt auf der näch­sten CD seine Inter­pre­ta­tion von Beethovens viertem Klavierkonz­ert in ein­er weniger lyrischen als unge­wohnt held­is­chen Darstel­lung des Kopfsatzes.
Wenn die vor­liegen­den Ton­doku­mente als repräsen­ta­tiv gel­ten kön­nen, dann waren die Det­mold­er Hochschullehrer über die Tra­di­tion­spflege hin­aus aufgeschlossen für die Musik des 20. Jahrhun­derts, wie eine inten­sitäts­ge­ladene Ein­spielung von Alban Bergs Vio­linkonz­ert mit Tibor Var­ga als Solis­ten oder eine Auf­nahme von Bela Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug sowie Edmun­do Lasheras’ Vor­trag der Klavier­stücke op. 33 von Arnold Schön­berg beweist.
Eine außeror­dentliche Reper­toire-Rar­ität enthält die CD-Box mit dem Klavierkonz­ert op. 27 von Johannes Driessler in der Inter­pre­ta­tion des Pianis­ten Klaus Schilde und des Orch­esters der Musikakademie unter Leitung des dama­li­gen Rek­tors Mar­tin Stephani: Musik, halb im neusach­lichen Ton­fall, halb noch von spätro­man­tis­chem Geist getragen.
Ger­hard Dietel