Johannes Killyen

Dessau: Händel in Dessau

Händels Julius Cäsar in Ägypten als Kooperation des Anhaltischen Theaters und der Leipziger Musikhochschule

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 09/2018 , Seite 48

Anfang Juni erlebte Georg Friedrich Hän­dels Oper Giulio Cesare in Egit­to ihre Pre­miere am Anhaltischen The­ater in Dessau. Soweit die nüchter­nen Fak­ten. Eine Hän­del-Oper zur Fest­spielzeit – was kön­nte nor­maler sein? Der Ort und die Umstände leg­en freilich eine andere Lesart nahe. Denn Büh­nen­werke des barock­en Großmeis­ters sind im ein­sti­gen „Bayreuth des Nor­dens“ unge­fähr so häu­fig zu erleben wie Schnee in der Sahara. Das hat seine Gründe.
Als Julius Cäsar 1981 let­zt­ma­lig in Dessau aufge­führt wurde, herrschte eine andere musikalis­che Zeitrech­nung. Das his­torisch informierte Musizieren mit Bezug­nahme auf authen­tis­che Quellen steck­te ger­ade in den Kinder­schuhen und fasste nur langsam Fuß. Die anfängliche Skep­sis gegenüber der Orig­i­nalk­lang­be­we­gung schwand bald – bis sich lan­dauf, landab kaum noch jemand traute, Bach, Hän­del oder Tele­mann auf mod­er­nen Instru­menten zu spie­len. Diese Phase ist wieder vor­bei und ein­er Plu­ral­ität der Auf­fas­sun­gen gewichen, die es übri­gens auch zu Hän­dels Zeit­en gab. Gewisse Stan­dards haben sich jedoch zu Recht gehal­ten und gel­ten ger­ade in der Barock­re­gion Mit­teldeutsch­land als geset­zt.
So war es also über­raschend, in Zusam­me­nar­beit mit den Halleschen Hän­delfest­spie­len eine Hän­del-Oper in Dessau zu erleben, wo am Anhaltischen The­ater das klas­sisch-roman­tis­che und mod­erne Reper­toire im Mit­telpunkt ste­ht. Und wo mit der Anhaltischen Phil­har­monie ein wun­der­bares Orch­ester Dienst tut, das indes wenig Erfahrung mit der barock­en Materie hat. Das Wag­nis war ein mehrfach­es, denn auf der Bühne standen auss­chließlich junge Sän­gerin­nen und Sänger der Hochschule für Musik und The­ater Leipzig – die mit Hän­dels koloratur­durch­wirk­ten Arien höch­ste Anforderun­gen zu meis­tern hat­ten. Schließlich musste die Insze­nierung von Matthias Oldag von der Musikhochschule auf die riesige Dessauer Bühne verpflanzt wer­den. Leicht hätte diese Expe­di­tion Schiff­bruch erlei­den kön­nen. Im Ergeb­nis stand jedoch ein recht ansprechen­der und viel beklatschter Opern­abend bei ordentlich­er Besucherzahl, der gle­ich­wohl seine Schwächen hat­te.
Hän­dels Giulio Cesare (es wurde auch in Dessau ital­ienisch gesun­gen) erlebte 1724 bei höch­stem Erfolg seine Urauf­führung. Ide­al­typ­isch ver­flicht der „Caro sas­sone“ mit seinem Textdichter Francesco Haym darin poli­tis­che und per­sön­liche Kon­flik­te und stellt die berühmteste Affäre der Geschichte in den Mit­telpunkt: Cäsar lernt Kleopa­tra ken­nen und lieben und ver­hil­ft ihr gegen den Wider­stand ihres Brud­ers Tolomeo zum Thron von Ägypten. Ein Neben­strang ist der Kon­flikt mit den Hin­terbliebe­nen des römis­chen Rivalen Pom­peo.
Regis­seur Matthias Oldag ver­legt den Kon­flikt in den Nahen Osten der Gegen­wart und erzählt eine recht schnörkel­lose Geschichte zwis­chen Kon­feren­zsaal, Schlafz­im­mer und Schlacht­feld. Die Bühnenele­mente sind funk­tion­al, die Kostüme (Bar­bara Blaschke) zeit­gemäß. Oldags Per­so­n­en­führung ist indes nicht immer glück­lich, da gibt es zu viel redun­dante Gestik, es wird viel mit Messern gefuchtelt, Req­ui­siten wer­den im Dutzend umge­wor­fen. Dass der Chor (Ein­studierung: Jens Petere­it) als radikalisierte Volks­menge mit Buhrufen aus dem Zuschauer­raum in eine der schön­sten Cäsar-Arien (makel­los das Solo­horn von Paul Good­man) hinein­platzt, ist min­destens gewöh­nungs­bedürftig.
Die Anhaltische Phil­har­monie war unter der Leitung von Gen­eral­musikdi­rek­tor Markus Frank eine ver­lässliche Part­ner­in für das junge Per­son­al; die Abstim­mung zwis­chen Bühne und Orch­ester­graben klappte bestens. Es gab innige Momenten in den langsamen Arien, doch vor allem den schnellen Num­mern fehlten Zugkraft, Trans­parenz und Spritzigkeit. Da war zu wenig barock­er Swing, zu wenig Bass­fun­da­ment. Die Mess­lat­te liegt hoch in Hör­weite zu den mit­teldeutschen Barock­fes­ti­vals.
Getra­gen wird der Abend allem voran von wun­der­bar engagierten jun­gen Sän­gerin­nen und Sängern, die trotz über­schaubar­er Erfahrung eine große Leis­tung abliefern – und tech­nisch ohne Ein­schränkung überzeu­gen. Im einen oder anderen Fall füll­ten die Stim­men (noch) nicht ganz die große Bühne. Das galt für den jugend­frischen Cäsar von Lena Spohn, den hitzköp­fi­gen Ses­to von Sarah Kol­lé und den Tolomeo, den Eti­enne Walch im Stil eines James-Bond-Bösewicht­es gab. Stimm­lich präsen­ter agierten in Bari­ton­par­tien Tobias Nys­tröm (Curio) und Ricar­do Lla­mas Mar­quez (Achilla) sowie die Altistin Susanne Boc­ca­to (Cor­nelia). In der eigentlichen Haup­trol­le der Oper jedoch glänzte mit unbändi­ger Energie und größter stimm­lich­er wie drama­tis­ch­er Aus­druck­skraft Yee­un Lee als Cleopa­tra. Von ihr wird man noch viel hören.
Die neue Spielzeit 2018/19 set­zt an Anhaltischen The­ater gle­ich wieder mit Barock­musik an, wen­ngle­ich unter ganz anderen Vorze­ichen: Am 21. Sep­tem­ber hat die Semi-Opera King Arthur von John Dry­den und Hen­ry Pur­cell Pre­miere, auch als Sig­nal an die Geldge­ber in Stadt und Land: Das Stück kann nur real­isiert wer­den, wenn Orch­ester und Chor, Schaus­piel und Bal­lett ver­füg­bar sind. Eine Sparten­stre­ichung will man am zulet­zt schändlich geschröpften Dessauer The­ater mit allen Mit­teln ver­hin­dern. Weit­ere Opern­high­lights wer­den Webers Freis­chütz, Puc­cinis Manon Lescaut und Dvořáks Kat­ja und der Teufel sein. Die neue Spielzeit begin­nt am 1. Sep­tem­ber mit einem Eröff­nungskonz­ert, das musikalis­che Auss­chnitte der neuen Pro­duk­tio­nen zu Gehör brin­gen wird.

> www.anhaltisches-theater.de