Pierre Boulez

Dérive 2

pour 11 instruments, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 63

Die Sym­phonie in einem Satz: Jean Sibelius schlug diesen kom­pos­i­torischen Weg mit sein­er 7. Sym­phonie (in einem Satz) in C op. 105 ein (UA 1924, Stock­holm); Bernd Alois Zim­mer­mann stellte sich drei­ßig Jahre später mit der Sym­phonie in einem Satz (1951, rev. 1953) dieser Her­aus­forderung. Pierre Boulez’ Dérive 2 für 11 Instru­mente (1988–2006/09) ist eben­so durchgängig in einem Satz kom­poniert und vere­int unter­schiedlich­ste musikalis­che Charak­tere. Mit ein­er Auf­führungs­dauer von rund 45 Minuten über­trifft dieses Werk die Spielzeit der Vorgängerkom­po­si­tion Dérive 1 für sechs Instru­mente (1984) beträchtlich. Die Urauf­führung fand am 10. Sep­tem­ber 2002 in Luzern mit dem Ensem­ble Inter­con­tem­po­rain statt, die Leitung hat­te der Kom­pon­ist selb­st.
Alle Instru­mente (Englis­chhorn, Klar­inette in A, Fagott, Horn in F, Marim­ba­fon, Vibra­fon, Harfe, Klavier, Vio­line, Vio­la, Vio­lon­cel­lo) sind stark gefordert, es gibt kaum Phasen der Erhol­ung. Die Par­ti­tur enthält kein­er­lei Hin­weise zur Platzierung der Auf­führen­den, macht indes einen Vorschlag, der nicht bindend ist.
Auf­fäl­lig sind die zahlre­ichen Takt- und Tem­powech­sel. Ein bes­timmtes Tem­po kann sich über­gangsweise, auch plöt­zlich („Sub. Tem­po…“) ändern. Es kann ver­bal umschrieben, auch sehr genau mit Metrono­mangaben (fest oder in einem Spiel­raum) – deter­miniert sein. Hinzu kom­men Anweisun­gen wie „insta­ble“ und sehr kurze Tak­tein­schübe, die nurmehr Vorschlagsnoten, von mehreren Instru­menten gle­ichzeit­ig aus­ge­führt, enthal­ten.
Dadurch entwick­elt sich der gesamte Klangkör­p­er zu ein­er Art mobilen Plas­tik, die immer andere For­men annehmen kann. Phrasen und Zusam­men­hänge sind mehr oder weniger peri­odisch gegliedert, entziehen sich dabei ein­er sogle­ich durch­schaubaren Regelmäßigkeit. Auch hier: Die For­mung des Ganzen ist Ergeb­nis von kon­tinuier­lichen Verän­derungs- und Mod­u­la­tion­sprozessen. Dérive: eine Art „Abgleit­en“, „Abdriften“, eine „Ver­schiebung“. Par­tikel und frag­men­tarische Ele­men­tarteilchen verbinden sich zu ein­er bewegten Plas­tik, die durch Tem­po­mod­i­fika­tio­nen ihre Mobil­ität gewin­nt und dabei immer andere Kon­turen annimmt.
Wie lässt sich diese Bewegth­eit über so lange Zeit aufrechter­hal­ten? Eine Erk­lärung ist wom­öglich in der „metrischen Mod­u­la­tion“ zu find­en. Die Kom­po­si­tion ist nicht zufäl­lig Elliott Carter (zum 80. Geburt­stag) gewid­met, der Werke mit „tem­po mod­u­la­tion“ (ein von ihm bevorzugter Ter­mi­nus) schrieb, wobei die Kom­po­si­tion 8 Pieces for 4 tim­pani ger­adezu als Studie hierzu betra­chtet wer­den kann. In Dérive 2 ermöglicht Tem­po-Mod­u­la­tion die Verbindung het­ero­gen­er Bewe­gungsver­läufe. Ein beson­der­er Reiz hier: Angaben sind teils sehr präzise, teils betont unge­nau (wie „céder“, etwas zöger­lich). Die Mod­u­la­tion von einem Bewe­gungstyp in einen anderen sowie die Über­lagerung unter­schiedlich­er divers pro­por­tion­iert­er Bewe­gungstypen eint die het­ero­ge­nen und vielschichti­gen Prozesse in Boulez’ Kam­mer­musik­stück, das höch­ste Anforderun­gen an die Inter­pre­ten stellt.
Eva-Maria Houben