Christian Jost

Der Zaubergarten

Concertino für Violine und Kammerorchester, Klavierauszug mit Solostimme von Olga Kroupova und Miroslav Kroupa

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 64

„Es gibt eigentlich kaum noch Raum, in dem der Men­sch eine geheimnisvolle Zuflucht find­en kann. Wir müssen eben weit­erge­hen. Für jede men­schliche Regung haben wir eine Assozi­a­tion, bere­its ein Bild ge­schaffen, und ich glaube, dass es die Auf­gabe der Kun­st sein muss, hier den entschei­den­den Schritt weit­erzuge­hen.“ So beschreibt Chris­t­ian Jost, 1963 in Tri­er geboren, in den 1980er Jahren in Köln und San Fran­cis­co als Kom­pon­ist und Diri­gent aus­ge­bildet und momen­tan in Berlin behei­matet, sein Anliegen, und er fragt: „Wie schaf­fen wir es, wieder Bilder zu erweck­en, Mythen zu kreieren, die diesen Bere­ich der geheimnisvollen Zukun­ft eröff­nen?“ Immer sei er auf der Suche nach dem magis­chen Moment und erre­iche dies durch ein kom­plex­es, dif­feren­ziertes Ver­hält­nis aus Struk­tur, Form und Klang.
Josts stat­tlich­es Œuvre umfasst mit­tler­weile zahlre­iche Büh­nen­werke, Orch­esterkom­po­si­tio­nen und Solokonz­erte, oft­mals Auf­tragskom­po­si­tio­nen namhafter Orch­ester oder bedeu­ten­der Fes­ti­vals. Nach dem Vio­linkonz­ert Tiefen­Rausch (1997) und Mozarts 13097. Tag, ein­er Sin­fo­nia con­cer­tante für Vio­line, Vio­la und Orch­ester (2005), ist das nun im Klavier­auszug erschienene Con­certi­no Der Zauber­garten für Vio­line und Kam­merorch­ester aus dem Jahr 2011 bere­its das dritte konz­er­tante Werk, in dem Jost der Geige die Solo-Rolle anver­traut.
„Die vier Sätze ‚erwacht – verza­ubert – bedro­ht – entschwun­den‘, deren jew­eilige atmo­sphärische Struk­tur von der Solo-Vio­line charak­ter­isiert wird (darin ähn­lich den vival­dinis­chen Vier Jahreszeit­en), durch­laufen unter­schiedliche Sta­di­en der Idiome ‚Alte Musik‘, um sie durch das Pris­ma unser­er Zeit unver­braucht und ‚magisch‘ erschei­nen zu lassen. So kann sich der Kon­zertmeister oder ein Gast­solist auf die Pfade des Zauber­gartens begeben, sie lenken oder sich dahin­treibend in das Geschehen ein­fü­gen.“
Hin­ter dieser etwas blu­mi­gen Charak­ter­isierung im Vor­wort der Note­naus­gabe ver­birgt sich ein typ­is­ch­er Jost. Das alles hat große atmo­sphärische Dichte, deklam­a­torische Kraft. Da ist diese sen­si­ble, sofort ansprechende Klangsinnlichkeit, die wir aus seinen anderen Stück­en auch ken­nen (etwa Rumor Images), das Auskosten motivis­ch­er „Affek­te“, die „zyk­lis­che“ Anlage, also die Meta­mor­phose tra­gen­der, in allen ver Teilen wiederkehren­der Motive, wie etwa des kleinen Trillers, mit dem die Solo-Geige das Werk über einem verklin­gen­den Clus­ter­akko­rd des Orch­esters im Pianis­si­mo beschließt. Alles in allem ist dieser Zauber­garten eine aus­drucksstarke und klangäs­thetisch unge­mein ansprechende, dabei feine und poet­is­che Musik. Offen ver­störende oder gar provozierende Ele­mente wird man darin nicht find­en, auch soge­nan­nte „neue“ Spiel­tech­niken sind aus­ges­part.
Das 18 Minuten lange Werk ist aus­drück­lich mit mod­ernem oder barock­em Instru­men­tar­i­um auf­führbar, der Solopart dankbar, aber nicht son­der­lich schw­er zu spie­len. Den Klavier­auszug haben Olga Kroupo­va und Miroslav Kroupa gewohnt sorgfältig und kom­pe­tent erstellt.
Her­wig Zack