Danuta Gwizdalanka

Der Verführer

Karol Szymanowski und seine Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Harrassowitz
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 62

Ein solch­es Buch war über­fäl­lig! Die Musik des pol­nis­chen Kom­pon­is­ten hat längst wieder weltweit jene Res­o­nanz gefun­den, die ihr zukommt – selb­st Pierre Boulez war ihrem Mys­tizis­mus, ihrer Sinnlichkeit und ihrer mod­er­nen Nar­ra­tion erlegen. Und die erste deutschsprachige Veröf­fentlichung Begeg­nun­gen mit Szy­manows­ki im Leipziger Reclam-Ver­lag liegt 36 Jahre zurück. Es wurde also Zeit!
Schon 1920 urteilte Hans Heinz Stuck­en­schmidt, „dass Polen uns zwei große Men­schen gab: den elegis­chen Eksta­tik­er Chopin und den eksta­tis­chen Elegik­er Szy­manows­ki“. Da aber hat­te der 1882 auf dem Land­gut Tymoszówka geborene Kom­pon­ist mit der Gruppe „Junges Polen“ schon den Aus­bruch aus der prov­inziellen Enge gewagt, war dem Krieg und der Rev­o­lu­tion entkom­men und hat­te sich in den großen europäis­chen Musikzen­tren und auf Reisen nach Sizilien, Per­sien und Afri­ka durch zahlre­iche Begeg­nun­gen und Ein­flüsse der­ar­tig pro­fil­iert, dass er als der legit­ime Nach­fol­ger Chopins von inter­na­tionalem Rang galt.
Die ver­schlun­genen Lebens- und Schaf­fenswege Karol Szy­manowskis zeich­net nun Danu­ta Gwiz­dalan­ka detail­re­ich und mit feinem Gespür für die schillernde Per­sön­lichkeit und die faszinierende Musik nach. Ihre lebendi­gen und far­bigen Darstel­lun­gen sind span­nend wie ein Roman und auskun­fts­freudig wie ein Sach­buch; der Infor­ma­tion­s­gewinn ist beträchtlich. Sie schildert die engen und prä­gen­den Fam­i­lien­bande und porträtiert Ver­wandte wie den Dichter Jaroslaw Iwaszkiewicz und den Pianis­ten Hein­rich Neuhaus als Helfer und Förder­er. Sie würdigt das Engage­ment der Fre­unde Arthur Rubin­stein, Pavel Kochan­s­ki und Grze­gorz Fitel­berg und nimmt Bezug auf homo­ero­tis­che Aben­teuer, die die Reisen mit dem Mäzen Ste­fan Spies auch waren. Und sie berichtet von den Ehrun­gen als Nation­alkom­pon­ist eben­so wie über den Lebens­abend in Ein­samkeit, Krankheit und Armut in Zakopane. 1937 starb Karol Szy­manows­ki in einem Sana­to­ri­um in Lau­sanne.
Das Buch blät­tert ein Leben voller Extreme auf – zwis­chen Schaf­fens­drang und Apathie, zwis­chen Exzessen und Ernüchterung, zwis­chen Narziss­mus und Nation­al­ge­fühl –, es ent­deckt manch­es Geheim­nis, und es find­et auch für den Reiz und die Eige­nart der Werke ein­fühlsame Worte. So wölbt sich ein großer Bogen von den roman­tis­chen Nachk­län­gen der frühen Lieder und Préludes über Ein­flüsse von deutsch­er Musik (Konz­er­tou­vertüre, 2. Sin­fonie), Impres­sion­is­mus (1. Vio­linkonz­ert) und der Antike (Métopes, 3. Sin­fonie) bis hin zur Bauern-Folk­lore der Goralen (Bal­lett Har­nasie, Sta­bat Mater: 4. Sin­fonie, Mazurken). Und der Ver­führer? Ein Bohemien in Exis­ten­znöten. Von Frauen umschwärmt, die ihm ihr Herz und ihr Geld zu Füßen legten – er nahm nur das Geld. Ein Klangza­uber­er, der nicht nur mit Mythes, Masques oder Liebesliedern betörte. Und eine Musik, die Polen wieder bedeut­sam gemacht hat – solche The­men kon­nte die Autorin nicht ein­fach liegen lassen. Und das ist gut so.
Eber­hard Kneipel