Christian Neef

Der Trompeter von St. Petersburg

Glanz und Untergang der Deutschen an der Newa

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Siedler, München
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 60

Der ehe­ma­lige Rus­s­land-Kor­re­spon­dent des Nachricht­en­magazins Der Spiegel, Chris­t­ian Neef, hat für sein Buch Lebens­geschicht­en von Deutschen ausgewählt, die voller Hoff­nun­gen und Träume an die Stadt an der Newa gekom­men waren: der gefeierte Trompeter Oskar Böhme, die Apothek­er­dy­nas­tie Poehl und die Pas­toren­fam­i­lie Maaß, deren Nach­fahre der Schaus­piel­er Armin Müller-Stahl ist.
Im Zen­trum des Buchs ste­ht der 1870 in der Nähe von Dres­den geborene Oskar Böhme, der nach dem Musik­studi­um in Leipzig und Ham­burg zunächst in Budapest angestellt war, bevor er seine Kar­riere in der musik­vers­esse­nen, dama­li­gen rus­sis­chen Haupt­stadt St. Peters­burg fort­set­zte. Mit zahlre­ichen Abbil­dun­gen zeich­net Chris­t­ian Neef Böhmes raschen Auf­stieg in der Metro­pole nach, deren Stim­mung er sehr authen­tisch darzustellen ver­mag, indem er sie mit biografis­chen Bausteinen der anderen Pro­tag­o­nis­ten illus­tri­ert. Böhme, der sich zunächst sein Geld als Musikpädagoge und Kom­pon­ist ver­di­ente, schriebt in diesen Anfangs­jahren Werke wie die Soirée de St. Pétersbourg, La Napoli­taine und das Konz­ert e-Moll, welch­es eines der weni­gen expliz­it für die Trompete geschriebe­nen Konz­erte der Roman­tik ist.
Nach sein­er Hochzeit mit Alexan­dra Ignat­jew­na Jakowlew­na, ein­er damals 43 Jahre alten Witwe mit Kind, erhielt Böhme im Jahr 1901 auf eige­nen Wun­sch die rus­sis­che Staatsbürgerschaft. 1902 wurde er nach erfol­gre­ichem Probe­spiel zum ersten Trompeter des Mari­enthe­aters (Mari­in­s­ki-The­ater) berufen. Es fol­gten glückliche Jahre für ihn in ein­er Stadt, in der Kom­pon­is­ten wie Liszt, Wag­n­er, Dvořák und Tschaikowsky einst dirigiert hat­ten und welch­er Größen wie Gus­tav Mahler zu Zeit­en Böhmes ihren Besuch abstat­teten. Das Mari­enthe­ater war mit 47 Solosängern, 120 Chor­mit­gliedern, 220 Tänzern und 135 Orch­ester­musik­ern, zu denen auch viele deutsche Aus­nah­memusik­er gehörten, in dieser Zeit extrem gut beset­zt.
Beina­he wie ein Krim­i­nal­ro­man liest sich der darauf fol­gende poli­tis­che Umsturz: die Beschrei­bung der Zeit um den Ersten Weltkrieg, Hunger und Arbeit­slosigkeit der Bevölkerung sowie der Sturz des Zaren in der Feb­ru­ar­rev­o­lu­tion 1917. Ger­adezu schock­ierend akribisch stellt Neef die Fol­gen der Machter­grei­fung der Bolschewiken dar, den dro­hen­den Aus­bruch des Zweit­en Weltkriegs und die Fol­gen des neuen poli­tis­chen Sys­tems ins­beson­dere für die porträtierten deutschen Fam­i­lien.
Lange Zeit kur­sierten Ver­mu­tun­gen über den Verbleib des Trompeters; Oskar Böhmes Brud­er Ben­no spricht in einem Brief aus dem Jahr 1940 an Willi Liebe (Solotrompeter der Deutschen Oper Berlin) davon, dass sein Brud­er nach wie vor in Rus­s­land als Musik­er engagiert sei. Der aus­geze­ich­neten Recherche von Chris­t­ian Neef ist es zu ver­danken, dass nun die Details von Oskar Böhmes let­zten Leben­s­jahren und sein­er Hin­rich­tung bekan­nt sind.
Der Trompeter von St. Peters­burg ist ein grandios­es und in höchstem Maße ergreifend­es Buch, welch­es Licht ins Dunkel ein­er ganzen Epoche bringt.
Kristin Thiele­mann