Deutscher Orchestertag 2022/ © Bettina Fürst-Fastré

Antje Rößler

Der Traum vom Alleskönner-Orchester

Der 19. Deutsche Orchestertag in Berlin sucht nach neuen Wegen

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 25

Die Pinguine sind wieder da: Zwei gemalte Königspinguine, standesgemäß im „Frack“, bilden das Logo des Deutschen Orchestertags. Rund 200 Teilnehmer – Intendanten, Manager und Musiker – trafen sich Anfang Mai zum 19. Deutschen Orchestertag in ­Berlin. Wegen der Pandemie wurde die ­zwei­tägige Veranstaltung, die sonst alljährlich im November stattfindet, um ein halbes Jahr verschoben.

Ernst und besorgt klingt das Mot­to des diesjähri­gen Orch­estertags: „Zurück in die Zukun­ft – Das neue Nor­mal!“ Es zeugt von grundle­gen­den Prob­le­men, vor denen unsere Orch­ester ste­hen. So scheint es eine Art kul­turelles Long Covid zu geben. Mehrere Teilnehmer:innen erzählten, dass all das Umdisponieren in den ver­gan­genen zweiein­halb Jahren viele Musiker:innen und auch das Per­son­al hin­ter den Kulis­sen an den Rand des Zusam­men­bruchs gebracht hatte.
Beim vorheri­gen Orch­estertag, der Anfang 2021 per Zoom über die Bühne ging, wid­mete man sich unter dem Mot­to „Das grüne Orch­ester“ dem Kli­maschutz. Dage­gen nimmt sich das neue Mot­to „Zurück in die Zukun­ft“ eher vage und allum­fassend aus. Auf der Tagung ging es the­ma­tisch sehr vielfältig zu; weshalb im Pro­gramm kein rot­er Faden zu erken­nen war.
Ums große Ganze drehte sich die Podi­ums­diskus­sion des ersten Tags, die unter der Über­schrift „Zeichen ein­er Zeit­en­wende – Orch­ester (üb)erleben in 2030“ stand. Die fün­fköp­fige Runde um den mod­erieren­den Jour­nal­is­ten Axel Brügge­mann arbeit­ete sich an zen­tralen Fra­gen ab: Was für eine Orch­ester­land­schaft wün­schen wir uns in zehn Jahren? Wie kom­men wir dor­thin? Und, ganz wichtig: Wie kann die Klas­sik Teil der Lebenswelt junger Men­schen wer­den? Da wirk­te es dur­chaus putzig, dass hier auss­chließlich nicht mehr ganz junge „weiße Män­ner“ die Zukun­fts­fähigkeit unser­er Orch­ester aus­loteten. Brügge­mann führte mehrfach seine 22-jährige Tochter als Kro­nzeu­g­in der jun­gen Gen­er­a­tion an.

Kulturelle Allesfresser

Beethoven­fest-Inten­dant Steven Wal­ter, auch schon Mitte Dreißig, gab den Vertreter der Jun­gen vor Ort. Er nan­nte die Jün­geren „kul­turelle Alles­fress­er“, was er aber dur­chaus liebevoll meinte. Soll heißen: Mozart konkur­ri­ert mit Schlager und Hip-Hop. Vorken­nt­nisse oder Bil­dungsvo­raus­set­zun­gen dürfe man den jun­gen Men­schen nicht abver­lan­gen, so Wal­ter. Die Frage, ob das nicht auf eine Triv­i­al­isierung der Musik, auf Kapit­u­la­tion vor dürftigem Musikun­ter­richt hin­aus­laufe, wurde lei­der nicht erörtert…


Lesen Sie weit­er in
Aus­gabe 7–8/2022.