Der Taktstock

Ein Dokumentarfilm von Michael Wende

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: BelAir edition 10127
erschienen in: das Orchester 04/2013 , Seite 79

Wen­des Doku­men­tarfilm behan­delt eine Frage, die sich wohl jed­er schon ein­mal stellte: Wozu der Tak­t­stock? Wer glaubt, mit dem Film eine geschichtliche Abhand­lung serviert zu bekom­men, irrt sich gewaltig. Nur zu Beginn wer­den die sprach­lichen, interkul­turellen Dif­feren­zen zwis­chen Tak­t­stock, Baguette und Baton the­ma­tisiert, und dies aus der Per­spek­tive ein­er fik­tiv­en, aus­ge­sprochen witzig ani­mierten Fig­ur eines Tak­t­stock­bauers, der genaues­tens über ver­wen­detes Holz und den Griff, deren Gewichtsverteilung Auskun­ft gibt. Stattdessen bietet der Film einen präzisen Ein­blick in den Wet­tbe­werb für junge Diri­gen­ten, der zu Ehren Gus­tav Mahlers in Bam­berg stat­tfind­et. Wer nun wiederum eine Cast­ing-Show der klas­sis­chen Musik erwartet, sieht sich eben­falls eher ent­täuscht. Am Ende des Films, als der Gewin­ner des Wet­tbe­werbs benan­nt wird, ist die Verkün­dung so unauf­fäl­lig und unprä­ten­tiös, dass sie einem fast ent­ge­ht, zugle­ich aber eine fast unschätzbare Wohltat gegenüber dem aufge­donnerten Popgewerbe ist.
Michael Wen­des Film wartet nicht nur mit ein­er aus­ge­sprochen unter­halt­samen Ani­ma­tion auf, deren Stimme Her­bert Feuer­stein eben­so unter­halt­sam wie pack­end verkör­pert, son­dern mit vir­tu­os­er Schnitt- und Mon­tagekun­st, mit gewagten Bild-Ton-Exper­i­menten und darüber hin­aus mit inten­siv­en Ein­blick­en in die Funk­tion des Diri­gen­ten. So tre­f­fend und kurz wur­den sel­ten Charak­ter­isierun­gen des Dirigierens abgegeben wie hier. Im O‑Ton kom­men mit sehr auf­schlussre­ichen Aus­führun­gen die Jury, beson­ders Her­bert Blom­st­edt, Jonathan Nott und Matthias Pintsch­er zu Wort, aber auch die Musik­er und der Inten­dant – und natür­lich der Tak­t­stock­bauer, dessen kom­men­tierend ver­fremde­ter Blick auf kluge Art auch Men­schen, die nicht vom Fach sind, diesen inten­siv­en Ein­blick ermöglicht. Es geht um Magie, heißt es da, und tat­säch­lich ist der sim­ple Sachver­halt, dass es sich beim Dirigieren um die Über­set­zung des orches­tralen Instru­mentalkör­pers zum Pub­likum han­delt, zwar schein­bar banal, aber zugle­ich ist es ein­fach unglaublich, dass es über­haupt gelingt. In dieses Para­doxe, in die Unmöglichkeit des Ein­fachen, in die Zer­brech­lichkeit des Moments, führt dieser Film ein, indem er die Unter­schiedlichkeit­en der Dirigier­be­we­gun­gen und die Über­tra­gung auf das Orch­ester genauer unter die Lupe nimmt, sog­ar die Fein­heit­en der Inter­pre­ta­tion the­ma­tisieren kann mit­tels Screen­split­ting; und schließlich auch die Wahrnehmung auf die feinen Bewe­gun­gen des Tak­t­stocks lenkt. Jonathan Nott kommt das Ver­di­enst zu, das Film­pro­jekt auf diese Weise ermöglicht zu haben.
Im Wech­sel von Ani­ma­tion, ras­an­ten Schnittpas­sagen, diese meist unter­legt mit elek­tro­n­isch pop­pi­gen Beats, ist Michael Wende ein Film gelun­gen, der gle­icher­maßen unter­hal­tend und bril­lant ist, wie er die Ern­sthaftigkeit des Gegen­stands ohne über­triebenes Pathos zu insze­nieren weiß. Bei aller Unter­hal­tung ist man schließlich über­rascht, dass der Film auch nicht ver­lernt hat, neue Musik wirkungsvoll zu the­ma­tisieren. Über die bedeu­tende Funk­tion des Diri­gen­ten sind wir zwar mehr als informiert, sie sind die Stars gegen­wär­ti­gen Musik­be­triebs. Wichtig aber ist es zu ver­ste­hen, warum sie es sind: Weil sie in ihrer ener­getis­chen Präsenz die äußerst anschauliche Ver­mit­tlung von Klang in Kör­p­er sind.
Stef­fen A. Schmidt