Monika Borth

Der siebte Cellist

Aus dem Leben des Berliner Philharmonikers und Gründers der 12 Cellisten Rudolf Weinsheimer

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 59

Das Orch­ester hat sich ein­stim­mig für Sie entsch­ieden!“ Rudolf Wein­sheimer, Jahrgang 1931, betra­chtet dieses Votum auch im Abstand von über sechzig Jahren als „schön­sten und wichtig­sten Satz meines Lebens“. 1956 gelang es dem jun­gen Cel­lis­ten, ins damals wie heute renom­mierteste deutsche Orch­ester aufgenom­men zu wer­den: Er wurde Berlin­er Phil­har­moniker – und blieb es bis zu sein­er Pen­sion­ierung 1996.
Dass ein solch­es Leben aller­lei Erzäh­lenswertes auf­bi­etet, über­rascht kaum. Hier­aus ein Buch zu for­men, ist eine andere Sache. Wein­sheimers Koau­torin Moni­ka Borth hat sich in ihren son­sti­gen pub­lizis­tis­chen Arbeit­en mit The­men wie Flucht und Vertrei­bung nach 1945 und mit dem Erkun­den neuer Hei­mat­en beschäftigt. Zudem lebte und arbeit­ete sie viele Jahre in Berlin: Fak­toren, die ver­mut­lich Affinitäten erzeugten zur außergewöhn­lichen Vita Wein­sheimers. Das Ergeb­nis ist ein gelun­ge­nes, unter­halt­sames Erin­nerungs­buch.
Wein­sheimer war „der siebte Cel­list“, ein Beruf­sleben lang „ver­heiratet“ mit Nr. 8: Christoph Kap­pler. In musikalis­chen Fra­gen lagen die bei­den Her­ren öfters über Kreuz. Gle­ich­wohl musizierten sie, gemein­sam mit ihren zehn cel­lis­tis­chen Kol­le­gen, über viele Jahre nicht nur im Orch­ester, son­dern in jen­er leg­endären Kam­mer­musik­truppe, als deren Ini­tia­tor sich Wein­sheimer rüh­men darf und die viele Nachah­mer gefun­den hat: die 12 Cel­lis­ten der Berlin­er Phil­har­moniker. Aus­ge­hend von ein­er einzi­gen Orig­i­nalkom­po­si­tion, dem Hym­nus von Julius Klen­gel, ent­stand anschließend an die tri­umphale Pre­miere der „12“ im Jahr 1972 ein außergewöhn­lich­es Reper­toire mit vie­len Auf­tragskom­po­si­tio­nen und fabel­haften Pop-, Jazz-, Tan­go- und Film­musik-Arrange­ments, die das Spiel des Ensem­bles bis heute, in den Post-Wein­sheimer-Gen­er­a­tio­nen, zum Ereig­nis machen.
Organ­i­sa­tion­stal­ent zählte offen­bar stets zu Wein­sheimers Stärken. Sein Engage­ment für das Wase­da Sym­pho­ny Orches­tra in Tokio, für beson­dere Events wie das Konz­ert der 1000 Cel­lis­ten (die Zahl entspricht der Real­ität!) und den Cel­logipfel im japanis­chen Kobe zeu­gen hier­von und ver­weisen vielle­icht zurück auf ein beson­deres Kapi­tel sein­er Jugend­jahre, die in diesem Buch eben­falls liebevoll dargestellt sind: seine Zeit als Schwarz­mark­thändler in den Jahren 1945/46. Als Kind eines Ex-NSDAP-Mit­glieds und ein­er zeitweise auseinan­derg­eris­se­nen Fam­i­lie musste der kaum 15-Jährige zum Über­leben­skün­stler wer­den.
Der siebte Cel­list beschreibt in mancher­lei Hin­sicht eine typ­is­che Nachkriegs-Musik­erkar­riere: eine treusor­gende Ehe­frau, die ihren Beruf aufgibt, um ihren wel­treisenden Mann und vier Kinder zu unter­stützen; die Licht­gestalt Kara­jan; die Japan-Begeis­terung – all dies atmet den Geist der 1960er und 1970er Jahre. Doch es wäre ungerecht, Wein­sheimers Erin­nerun­gen hier­auf zu reduzieren. Aus ihnen spricht Herzenswärme, Enthu­si­as­mus für die Musik und nicht zulet­zt Weisheit im Umgang mit Ver­lust und Trauer, von denen auch dieses Leben nicht ver­schont blieb.
Ger­hard Anders