Wagner, Richard

Der Ring der Nibelungen

Nationaltheater Mannheim, Ltg. Dan Ettinger, Inszenierung, Bühne, Kostüme, Lichtkonzept: Achim Freyer

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: ArtHaus Musik 107553
erschienen in: das Orchester 07-08/2015 , Seite 79

Als kün­st­lerische Dif­feren­zen eine Tren­nung von Regis­seur Christof Nel unauswe­ich­lich macht­en und inner­halb von Hal­b­jahres­frist ein Nach­fol­ger gefun­den wer­den musste, war es ein clev­er­er Schachzug der Inten­dan­tin Reg­u­la Ger­ber, bei Achim Frey­er anzufra­gen. Das kün­st­lerische Mul­ti­tal­ent hat­te das Werk bere­its 2010 für die Los Ange­les Opera durch­dacht und in ein­er inter­na­tion­al viel beachteten, region­al eher mäßig geliebten Pro­duk­tion auf die Bühne gebracht.
In Deutsch­land, für das Frey­er seinen inhaltlichen Insze­nierungsansatz trotz aller gegen­teiliger Behaup­tun­gen eben doch nicht grund­sät­zlich neu gefun­den hat und auch seinem Insze­nierungsstil selb­stver­ständlich treu geblieben ist, funk­tion­iert seine Bild- und Assozi­a­tion­ssprache erhe­blich bess­er. Die the­atralis­che Schu­lung des Pub­likums hierzu­lande ist eben doch ei­ne andere als in den Staat­en. Der Verzicht auf psy­chol­o­gisierende Erzählfor­men, lin­eare Zeitabläufe und ver­traute Zeichen­codes kann schwere Kost sein, selb­st wenn die eigen­tüm­liche Roman­tik und Schön­heit der Freyer’schen Büh­nen eine emo­tionale Offen­heit und intellek­tuelle Bere­itschaft des Sich-Ein­lassens beim Zuschauer dur­chaus unmit­tel­bar zu erzeu­gen in der Lage ist.
In rät­sel­haften, fan­tasieüber­bor­den­den Kostü­men agieren auch im Mannheimer Ring Freyer’sche Arche­typen, allein durch die masken­bild­ner­ische Gestal­tung von ihrer Exis­tenz als Men­sch auf eine höhere Form der Repräsen­ta­tion gehoben. Die Fig­uren kreisen im großen kahlen Büh­nen­raum auf der Drehbühne, jede für sich ein eigen­er Gesten- und Mimikkos­mos, fast wie Gestirne in einem unendlichen Zeit-Raum-Kon­tin­u­um. Frey­ers Grun­didee, die Zeit­en des Rings in eins zu pack­en, Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft gle­ichzeit­ig zu zeigen, tut dem Stück unge­heuer gut. Frey­er macht die Bühne zur Ikone, vor der der Zuschauer qua­si medi­tierend sich selb­st reflek­tieren kann, getra­gen und gelenkt dabei von Wag­n­ers Musik.
Der emo­tion­al-atmo­sphärische Grundzu­gang, die kalei­doskopar­tig unzusam­men­hän­gen­den, aber doch immer wieder sich zu klaren Sinnknoten­punk­ten verdich­t­en­den intellek­tuellen Aus­sagen dieses Rings machen ihn zu einem der großen und wichti­gen. Der nun auf DVD erschienene Live-Mitschnitt gibt als tech­nisch und filmerisch gelun­gene Arbeit einen beredten Ein­druck davon. Frey­ers Wel­tentwurf bleibt die dominierende Qual­ität dieser The­ater­pro­duk­tion, auch gegenüber ihrer sän­gerisch-musikalis­chen Seite, geleit­et von Dan Ettinger, GMD des Nation­althe­aters Mannheim. Mit ruhig fließen­den Tem­pi arbeit­et er Frey­ers Großtableau zwar zu, schafft es dabei bis auf vere­inzelte Momente aber nicht, stärk­eres eigenes Pro­fil zu gewin­nen, was ihm mit dem bestens disponierten Nation­althe­aterorch­ester dur­chaus hätte leicht fall­en kön­nen.
Auch sän­gerisch bleibt die Pro­duk­tion auf eher gutem bis soli­dem Niveau, hätte man sich etwa eine bessere Brünnhilde als Judith Németh und einen stimm­frischeren Sieg­mund als Endrik Wot­trich gewün­scht. Erfreulich­er waren da schon Thomas Jesatko als Wotan und Jür­gen Müller als Siegfried sowie in kleineren Rollen das beachtlich gute Ensem­ble des Nation­althe­aters Mannheim.
Ulrich Ruhnke