Olaf Schmidt

Der Oboist des Königs

Das abenteuerliche Leben des ­Johann Jacob Bach

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Galiani
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 61

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich dieses Buch primär an die Ziel­gruppe musikhis­torisch inter­essiert­er Leser richtet – das auf jeden Fall impliziert der Titel. Allerd­ings bein­hal­tet dieser schon in sich zwei Missver­ständ­nisse: Erstens spielt der Oboist im ganzen Buch keinen einzi­gen Ton auf der Oboe, son­dern auss­chließlich auf der Tra­vers­flöte, und zweit­ens nimmt dieses Buch neben Johann Jacob Bach, dem älteren Brud­er des großen Johann Sebas­t­ian, haupt­säch­lich die andere im Titel erwäh­nte ­Fig­ur in den Blick, näm­lich den König – in diesem Fall Karl XII. von Schwe­den, einen äußerst wider­sprüch­lichen Poten­tat­en.

Alle, die hier eine bie­der­meier­lich erzählte Musiker­bi­ografie erwarten, seien allerd­ings gewarnt: Dieses Buch strotzt vor prall erzähltem Leben, lässt kein blutrün­stiges Detail der zahlre­ichen detail­liert recher­chierten Schlacht­enbeschrei­bun­gen des Großen Nordis­chen Krieges aus und gipfelt im wahrhaft schock­ierend-real­is­tis­chen Ablauf der bru­tal­en Hin­rich­tung des Barons von Patkul und der detail­lierten Aus­malung der desas­trösen Nieder­lage des schwedis­chen Heers bei Poltawa.

Nicht nur diese Teile sind wahrlich keine Nacht­tis­chlek­türe, die das Ein­schlafen erle­ichtern, son­dern die sehr real­itäts­ge­treue Schilderung der unglaublichen Lei­den der Sol­dat­en auf den men­schen­ver­ach­t­en­den Feldzü­gen Karls XII. Der Autor beschreibt die Begeben­heit­en in solch tre­f­fend­er Sprache, dass sich vor dem inneren Auge des Lesers ein prall-buntes Kalei­doskop der dama­li­gen Ereignisse auf­tut.

Und wie kommt nun der titel­gebende Johann Jacob Bach in dieses Spiel? Die Beschrei­bung der gemein­samen Kind­heit mit dem Brud­er Johann Sebas­t­ian in Eise­nach und die erste musikalis­che Aus­bil­dung nach dem Tod der Eltern beim älteren Brud­er Johann Christoph im nahegele­ge­nen Ohrdruf ist ein großes Lesev­ergnü­gen und mit vie­len kleinen, teil­weise sich­er fik­tiv­en Anek­doten, aber auch mit his­torisch belegten Details gespickt – köstlich außer­dem die Schilderung des äußeren und inneren Erschei­n­ungs­bildes viel­er Pro­tag­o­nis­ten.

Anschaulich wird die unter­schiedliche per­sön­liche Entwick­lung von Sebas­t­ian und Jacob aufgezeigt. Deren Wege tren­nen sich nach eini­gen Jahren: Den einen treibt es in jenen unsteten Lebenswan­del, der ihn schließlich im Gefolge Karls XII. über das heutige Weißrus­s­land bis nach Kon­stan­tinopel und let­z­tendlich nach Stock­holm führt, wo er 1722 mit nur 40 Jahren stirbt, während der andere von Anfang an nur seine Kun­st und die dafür erforder­liche sichere Anstel­lung im Sinn hat. Am Ende des Buchs schließt sich als inhaltliche Klam­mer der Kreis für die bei­den Brüder – zumin­d­est fast.

Dieses Buch ist ein lit­er­arisch­er Voll­tr­e­f­fer und Olaf Schmidt, der 2006 seinen Debutro­man Friesen­blut vor­legte, ist mit Der Oboist des Königs ein sprach­mächtiges Werk gelun­gen, das uns die Barockzeit im All­ge­meinen und den ungewöhn­lichen Lebensweg von Johann Jacob Bach im Beson­deren in aller Üppigkeit nahe bringt.

Kristin Thiele­mann