Hannemann, Jörg

Der Konzertagent

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: bup Berlin University Press, Berlin 2013
erschienen in: das Orchester 01/2015 , Seite 69

Jörg Han­ne­mann schickt seine Roman­fig­ur Hein­rich Glöde, deren Charak­ter er bere­its in seinem vorherge­hen­den Roman (Die Wärme des Kör­pers der Frau Pietsch) entwick­elte, als selb­ster­nan­nten Konz­erta­gen­ten in – so die Aus­sage des Klap­pen­textes – „die exo­tis­che Welt des Musik­be­triebs“. Und was gibt es nicht alles zu bestaunen in diesem Panop­tikum der Abson­der­lichkeit­en:
> ein Blech­bläserquin­tett aus Saar­brück­en, dessen Mit­glieder alle amerikanis­ch­er Abstam­mung sind und die sich nach dem Konz­ert über Glödes Bier- und Wein­vor­räte her­ma­chen. Höhep­unkt der pri­vat­en After-Con­cert-Show ist die Entzün­dung eines Furzes aus dem Hin­tern des Tubis­ten.
> ein rheinis­ches Sin­fonieorch­ester, das dem Konz­erta­gen­ten Glöde mit dem Abbruch der Tournee dro­ht, soll­ten nicht zum näch­sten Früh­stück mariniert­er Lachs, geräucherte Forel­len­filets mit Meer­ret­tich, frisch gepresster Orangen­saft und Kaviar auf dem Tisch ste­hen.
> ein Orch­ester aus Sama­ra, dessen Musik­erin­nen und Musik­er die Hotel­büf­fets bis zum let­zten Krümel und Tropfen abräu­men und in ihren mit­ge­bracht­en Behält­nis­sen – zu Ther­moskan­nen umfunk­tion­ierten Granat­en der örtlichen Muni­tions­fab­rik – davon­tra­gen.
> viele weit­ere Musik­er, Solis­ten, Diri­gen­ten, Orch­es­ter­di­rek­toren und -man­ag­er, die an ihrem Dasein lei­den und nur eines ganz gewiss nicht haben: Freude an der Musik.
Die Anzahl neg­a­tiv­er Klis­chees über Musik­er im All­ge­meinen und Orch­ester­musik­er im Beson­deren, die Jörg Han­ne­mann hier aneinan­der­rei­ht, passen kaum zwis­chen zwei Buchdeck­el und sind in ihrer Anhäu­fung wed­er witzig (wie wahrschein­lich intendiert) noch span­nend, son­dern schlicht öde. Man kann jedoch davon aus­ge­hen, dass auch dieses Buch seine begeis­terten Leser find­en wird, die sich schenkelk­lopfend daran erfreuen wer­den, schon immer gewusst zu haben, was für ein selt­sames, ja wahrlich „exo­tis­ches“ Völkchen doch diese Musik­er sind.
Sprach­lich erin­nert alles sehr an Thomas Bern­hard, dessen Büch­er bzw. deren Wirkung auf die Leser auch in ein­er kurzen Episode zum The­ma wird. For­mal ver­mag Han­ne­mann keine rechte Span­nung aufzubauen. Die Hand­lung mäan­dert vor sich hin, das Ende ist eher beliebig geset­zt.
Zurück bleibt ein unbe­friedi­gen­des Gefühl, weil der Autor, der sprach­lich dur­chaus Wirkun­gen zu erzie­len ver­mag und immer wieder ein gutes Gespür für hin­ter­gründi­gen Humor offen­bart, sein Ziel allzu schnell in der ober­fläch­lichen Pointe sucht, statt seine an sich gute Idee tief­gründi­ger, fein­füh­liger und dif­feren­ziert­er zu entwick­eln.
Rüdi­ger Behschnitt