Michael Stolle

Der Komponist Gerd Natschinski

Musical, Filmmusik und Schlager in der DDR

Rubrik: Buch
Verlag/Label: Tredition Hamburg 2018
erschienen in: das Orchester 05/2019 , Seite 59

Gerd Natschin­s­ki (1928–2015) war mehr als der Schöpfer von Mein Fre­und Bun­bury, Mess­eschlager Gisela (für das DDR-Fernse­hen ver­filmt von Erwin Leis­ter) und des Film­mu­si­cals Heißer Som­mer (2018 ein großer Erfolg im Naturthe­ater Greifensteine/Erzgebirge). Doch in den alten Bun­deslän­dern gelang es nicht, seine Musi­cals im Reper­toire zu ver­ankern. Natschin­skis eigenes  kün­st­lerisches Ver­mächt­nis dro­ht wie das sein­er Operetten- und Musi­cal-Mit­stre­it­er Gui­do Masanetz, Ger­hard Kneifel und Con­ny Odd mit der abebben­den Ostal­gie-Welle zu entschwinden. Deshalb ist die Biografie von Michael Stolle, des ein­sti­gen Ger­aer Kapellmeis­ters und Dozen­ten an der Hochschule für Musik und The­ater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, ein wichtiges Unter­fan­gen, auch wenn die Fülle des Mate­ri­als weitaus größeren Respekt fordert als nur eine stel­len­weise flache Aufar­beitung.
Stolles Schrift bün­delt eine Vielzahl von Fak­ten, Bild­ma­te­r­i­al, Noten­beispie­len und Inhalt­sangaben zu Natschin­skis Büh­nen­werken, seinen ver­ton­ten Fil­men (z.B. Der Mann, der nach der Oma kam) und sein­er Chan­sons für Größen wie Gisela May. Stolle liefert einen groben Abriss der in der DDR ent­stande­nen Operetten und Musi­cals, eine Liste der Kom­pon­is­ten und Titel und weist auch auf eigene Natschin­s­ki-Diri­gate in Ost und West hin. Dazu sam­melte er buntes Bild­ma­te­r­i­al (Plakate, Pro­grammhefte) und Fotos. Neben Gespräch­saufze­ich­nun­gen mit dem Rock­musik­er Thomas Natschin­s­ki, Sohn des Kom­pon­is­ten aus erster Ehe, und Doku­menten von Natschin­skis kurzem Kon­takt mit Hanns Eisler ist der Geehrte auf den aus­gewählten Fotografien aber nur sel­ten mit pri­vat­en oder beru­flichen Bezugsper­so­n­en zu sehen.
Lesern geht es bei der Lek­türe wie bei ein­er Revue oder einem Film, in dem man die Haupt­fig­ur hin­ter der Mate­ri­alschlacht mit Deko­rs und Details stel­len­weise aus den Augen ver­liert. Die Dynamik der langjähri­gen Part­ner­schaft Natschin­skis zu seinen bewährten Textdichtern Hel­mut Bez und Jür­gen Degen­hardt wird eben­so wenig plas­tisch wie die über Jahrzehnte dauernde kün­st­lerische Kol­le­gial­ität mit Eva-Maria Hagen vom Film Mess­eschlager Gisela bis zum TV-Musi­cal-Mehrteil­er ABC der Liebe, in dem Nina Hagen als Tanz-Elevin debütierte.
Der enthu­si­astis­che Autor hat alle im Europäis­chen Zen­trum der Kün­ste Heller­au ver­füg­baren Teile von Natschin­skis Nach­lass gesichtet. Zitate aus seinen Lebenserin­nerun­gen, die er in Auss­chnit­ten aus­gewählten Per­so­n­en noch vor seinem Tod über­mit­telte, wer­den von den Rechtein­hab­ern des Nach­lass­es jedoch nicht ges­tat­tet. Gun­du­la Natschin­s­ki, die Witwe des Kom­pon­is­ten aus zweit­er Ehe, hält es nicht für aus­geschlossen, dessen Memoi­ren selb­st zu veröf­fentlichen.
Die in Eile ent­standene Biografie weckt Neugi­er auf das Nicht-Gesagte. Dabei geht es nicht nur um poli­tis­che Hin­ter­gründe, son­dern viel mehr um Anreize zur Pflege eines Gesamtwerks, das heute weitaus mehr Rel­e­vanz hätte als nur ver­harm­losenden Ostal­gie-Charme.

Roland Dip­pel