Rhodes, James

Der Klang der Wut

Wie die Musik mich am Leben hielt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Nagel & Kimche, München 2016
erschienen in: das Orchester 05/2016 , Seite 64

Da geht einer durchs Leben: Das sagt sich so. Da wütet einer am Leben: Das sagt sich schon nicht so, es sei denn, der, der da wütet, sagt dies selbst, und zwar in einer Sprache, die nichts auslässt an Vulgaritäten und Sottisen. Wie man mit dem Hammer philosophiert, lehrte uns Nietzsche; wie man mit dem Hammer auf sich und auf andere draufschlägt, das lehrt uns hier einer, der – obwohl er den Klang der Wut geschrieben hat – auch anders kann, nämlich Klaviertasten streicheln. Der Autor dieses Buchs ist Konzertpianist, ein bekannter gar, ist Autor von britischen TV-Serien über Musik und Moderator seiner eigenen Konzerte. Sein Name: James Rhodes, Alter: 41, Familienstand: Vater eines Sohnes und gerade im Begriff, eine zweite Ehe einzugehen.
Klingt wie aus dem Bilderbuch, ist es aber nicht. Es ist ein Klang aus der Hölle des Lebens, der dem Leser da entgegenbraust. Denn Rhodes ist Missbrauchsopfer, schon als Siebenjähriger traumatisiert, im Sumpf von Drogen, Verstümmelungen, Suizidversuchen watend; im Kerker von Psychiatrien eingesperrt; in der Gosse lebend; gleichwohl auch – wie im Märchen aus Tausendundeiner Nacht – auf der Sonnenseite des Glücks, weil immer wieder auf Menschen treffend, die ihn finanziell unterstützen, ihm wichtige Türen öffnen.
Zum Pianisten lässt er sich eigentlich viel zu spät ausbilden. Gleichwohl sind sofort seine Konzerte ausverkauft, seine CDs Verkaufsschlager. Er hat seine ihm gemäße Welt gefunden – die einzig ihm mögliche, dieser James Rhodes: die Welt der 88 Tasten. „Ich setze mich auf den Hocker und irgendetwas übernimmt die Regie. Ich verschwinde – auf eine gute Art.“ Der jahrelang so gequälte Körper löst sich auf – im Klang einer Musik, die der Wut ihr Ventil gibt.
Es überrascht deshalb nicht, dass der so sperrig, oftmals unflätig daherkommende Autor die in 20 Kapiteln geschilderten Szenen seines Lebens mit bestimmten Musikstücken in Verbindung bringt. Bach-Busonis Chaconne, ohnehin ein unauslotbares Stück Musik über das Leben schlechthin, wird für den zehnjährigen James zum unvergesslichen Eintritt in die Welt der Musik; Liszts Totentanz zum Echoklang seiner Suizidversuche; der 2. Satz aus Schostakowitschs 2. Klavierkonzert zum Spiegel seines Glücksempfindens über die Geburt seines Sohnes.
So schreibt und schreit er sie aus sich heraus – seine Wut und das unsäglich Erlittene, aber auch seine Freude über das glückhaft Erfahrene. Eindrucksvoll ist das schon, wenngleich das Buch bei manchem Leser ein Zuviel des Eindrucks hinterlassen dürfte. Rhodes, der Tastenzauberer, schildert unzensiert, was man ihm und in der Folge davon, was er sich selbst angetan hat. Grenzen werden überschritten – nicht umsonst musste die Veröffentlichung des Buchs vor britischen Gerichten erstritten werden. Der Verlag gewann den Prozess. Zum Glück.
Winfried Rösler