Markus Grassl/Reinhard Kapp (Hg.)
Der Dirigent Hans Swarowsky (1899-1975)
Musik, Kultur und Politik im 20. Jahrhundert
Schon zu Lebzeiten war Hans Swarowsky eine Legende. Er war Musikhistoriker, Pädagoge, Dirigent, Schriftsteller, Dramaturg und einer der meistgeschätzten „Dirigentenmacher“ (Claudio Abbado, Zubin Mehta, Mariss Jansons, Giuseppe Sinopoli und viele andere mehr waren seine Schüler). Jetzt ist erstmals ein opulenter Band erschienen, der die Vielseitigkeit Swarowskys, seiner institutionellen wie künstlerischen Bedeutung, seiner politischen Ambivalenzen und seiner persönlichen Ausstrahlung würdigt. Er vermittelt ein Kapitel Wiener Nachkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Hans Swarowsky war der Sohn eines Wiener jüdischen Großindustriellen und studierte an der Wiener Universität Kunstgeschichte und Philosophie. Bei Arnold Schönberg und Anton Webern nahm er Unterricht in Musiktheorie und Dirigieren. Er wurde Korrepetitor und Kapellmeister an zahlreichen Opernhäusern, in den Dreißigerjahren schließlich an der Hamburgischen und Berliner Staatsoper. Von 1937 bis 1940 war Swarowsky am Zürcher Opernhaus tätig, bevor er durch die restriktive eidgenössische Immigrationspolitik gezwungen wurde, ins nationalsozialistische Deutsche Reich zurückzukehren. Da bleiben viele Fragen offen. „Die Ambivalenzen von Verstrickung und Distanz“ (Markus Grassl/Reinhard Kapp) lassen sich nicht mehr eindeutig klären. Die unterschiedlichen politischen Systeme, die er durchlebte, seine jüdische Herkunft, zeitweise Berufsverbote, die ständige Bedrohung durch die Nazis und infolgedessen seine Loyalitätsbekundungen gegenüber dem NS-Regime begründeten die Widersprüche und Paradoxien seines Lebens.
Von 1944 bis zu seinem letzten Konzert am 9. Januar 1945 (dann hatte er Berufsverbot) war er im besetzten Polen Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters des Generalgouvernements in Krakau. Von Joseph Goebbels als „Polenfreund“ angefeindet, nutzte er seine Position und seine Beziehungen zur Rettung polnischer und jüdischer Menschen, was ihm von den US-Entnazifizierungsbehörden hoch angerechnet wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er einige Jahre Chefdirigent der Wiener Symphoniker und Direktor der Grazer Oper. Danach widmete er sich vor allem seiner Lehrtätigkeit an der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst.
Notentreue, Partituranalyse, Beachtung der Intentionen der Komponisten und systematische Behandlung der Aufführungspraxis waren seine Prinzipien, die er weitergab. Vor allem aber wollte er stets Musik als Teil der Kulturgeschichte begriffen wissen. Universale Bildung, bezwingende Eloquenz, gehobener Lebensstil und eine elegante Erscheinung machten seine Autorität aus. Über all das erfährt man so viel, so differenziert dargestellt und so gründlich recherchiert wie nie zuvor. 18 Autoren haben an dem 1052 Seiten umfassenden Monumentalwerk mitgearbeitet. Schon jetzt ist es ein Standardwerk, auch dank hochinformativer Personen- und Werkregister, Bibliografie und Quellenverzeichnis.
Dieter David Scholz


