Udo Bermbach

Der anthroposophe Wagner. Rudolf Steiner über Richard Wagner

Wagner in der Diskussion, Band 23

Rubrik:
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 64

Nun also doch noch ein Wagnerbuch von Udo Bermbach. Dass es ausgerechnet Rudolf Steiner und der Anthroposophie gewidmet ist, verwundert, denn nicht wenige halten Rudolf Steiner und seine Lehre für esoterischen Unfug. Bermbach versichert dem Leser allerdings gleich zu Beginn, dass Steiner „Wagner und sein Werk gleichsam als einen Vorläufer der Anthroposophie“ betrachtet und dessen „Musikdramen in die anthroposophische Wertvorstellung“ eingepasst habe. Ein klarer Fall also von Usurpierung, ja Missbrauch, weshalb laut Bermbach die übliche Wagner-Forschung Rudolf Steiners Wagner-Adaption bis heute ignoriere.
Steiner, so führt Bermbach aus, nimmt Wagner als einen Autor wahr, „der die Welt bereits in Ansätzen mit den Augen eines Anthroposophen sieht“, mehr noch: Wagner sei von Steiner als „eine Art Vorläufer seiner eigenen Weltanschauung“ erklärt worden, ungeachtet der eigentlichen gesellschaftskritischen, revolutionären Intentionen Wagners, über die der Komponist unmissverständlich Auskunft gab. Wagner ist für die Anthroposophen „sowohl Mystiker als auch Musiker“ und sei „tief ins innere Reich des Lebens“ eingedrungen.
Vor allem Parsifal, aber auch Tristan und Isolde und der Ring seien in die theosophische (mystische) Lehre einbezogen worden, was angesichts von Wagners eindeutig diesseitiger, gesellschaftskritischer Stoßrichtung geradezu absurd anmutet. Bermbach verwendet viel Aufmerksamkeit darauf, das fundamentale Anliegen Rudolf Steiners darzustellen: Nämlich die Erneuerung der mystischen Erfahrungen und die Vereinigung der inneren geistigen Welt mit dem in Natur und Geschichte sich offenbarenden „göttlichen All-Einen“ inmitten eines positivistisch-materialistischen Zeitalters.
Was es mit der Biografie Rudolf Steiners, der Gründung der anthroposophischen Gesellschaft, der Eurythmie als tänzerischem Ausdruck der anthroposophischen Theaterreform, dem Goetheanum in Dornach und den Waldorf-Schulen auf sich hat, erklärt Bermbach mit großer Sachlichkeit. Natürlich werden die Hauptmomente der Anthroposophie dargestellt: Mystik, höhere Erkenntnis und Rassenlehre. Bei der Lektüre der verquasten Steinerschen Behauptungen, etwa dass Wotan der Bringer des Christentums für die Nordvölker sei (um nur eine zu nennen), überkommt den Leser heftiges Unwohlsein und Unbehagen.
Bermbach betrachtet den Fall Steiner als ein Paradebeispiel dafür, wie sehr Wagner „für die verschiedensten Zwecke ausgebeutet werden konnte.“ Hat Bermbach in seinen früheren Büchern das „Einpassen in vorgegebene ideologische Muster“ am Beispiel der Völkischen und der Nationalsozialisten offengelegt, so zeigt er in seinem jüngsten Buch die anthroposophische Zurechtbiegung Wagners in Rudolf Steiners Denkgebäude in aller Deutlichkeit auf. Insofern gebührt ihm Dank. Er hat wieder einmal Pionierarbeit geleistet und eine Lücke der Forschung geschlossen.
Dieter David Scholz