Alexander Grün/Anatol Stefan Riemer/Ralf Oliver Schwarz (Hg.)

Der „andere“ Offenbach

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 57

Sehr zu Recht schreibt Ralf-Olivi­er Schwarz, ein­er der Her­aus­ge­ber des Buchs und Autor ein­er erst kür­zlich erschiene­nen, maßstab­set­zen­den Offen­bach-Biografie: „Offen­bach ist vielle­icht der am stärk­sten mit Klis­chees behaftete Kom­pon­ist der Musikgeschichte.“ Man denke nur an die Fehlein­schätzung des Höl­len­ga­lopps aus der Opéra bouf­fon Orphée aux Enfers als „Can­can“ oder der „Bar­ca­role“ aus Offen­bachs Oper Les Con­tes d’Hoffmann als musikalis­che Venedig-Ikone. Die Offen­bach-Rezep­tion ist voller Missver­ständ­nisse und zudem reduziert auf nur einen kleinen Teil des enor­men Œuvres eines „der pro­duk­tivsten und inno­v­a­tivsten Musik­dra­matik­ers des 19. Jahrhun­derts“. Auf diesen „anderen“ Offen­bach „jen­seits der Wel­ter­folge der großen Opéras Bouffes“ aufmerk­sam zu machen, „die Werke in den Blick­winkel zu nehmen, denen bis­lang nur allzu sel­ten Aufmerk­samkeit zuteil wurde“, war das Anliegen eines Sym­po­siums, das im Vor­feld des 200. Geburt­stags des Kom­pon­is­ten 2018 in der Hochschule für Musik und Darstel­lende Kun­st in Frank­furt am Main abge­hal­ten wurde. Auf den Vorträ­gen der elf Autoren des Sym­po­siums basieren die Beiträge des Buchs, die zwei Schw­er­punk­te aufweisen: „zum einen Offen­bachs Schaf­fen vor seinen großen Erfol­gen der 1850er und 1860er Jahre, zum anderen Offen­bachs häu­fig vergessene oder zumin­d­est überse­hene große Werke nach 1870 bzw. jen­seits des Zweit­en Kaiser­re­ichs“, so die Her­aus­ge­ber. Von the­ater­his­torisch­er Bedeu­tung sind beispiel­sweise Jean-Claude Yons Aus­las­sun­gen über „Offen­bachs andere The­ater“, also der unzäh­li­gen anderen Büh­nen jen­seits der Bouffes-Parisiens oder des Théâtre des Var­iétés, an denen der Kom­pon­ist wirk­te. Hochin­ter­es­sant ist auch der Beitrag von Frank Hard­ers-Wuthenow über die patri­ar­chatskri­tis­che und emanzi­pa­torische Rolle der Frau in Offen­bachs Werken. Auf das bish­er kaum wahrgenommene Genre sein­er Lieder macht Elis­a­beth Schmier­er aufmerk­sam. Ralf-Olivi­er Schwarz weist auf die kaum zu über­schätzende Prä­gung der Musik Offen­bachs durch den Köl­ner Karneval hin und Niclas Ess­er gibt einen auf­schlussre­ichen Ein­blick in die gegen­wär­tige Sit­u­a­tion der bedeu­tend­sten Offen­bach-Samm­lung (im His­torischen Archiv der Stadt Köln), zehn Jahre nach dem Ein­sturz des Archivge­bäudes. So erweist sich diese Pub­lika­tion nach denen von Heiko Schon (Jacques Offen­bach – Meis­ter des Vergnü­gens), Ralf-Olivi­er Schwarz (Jacques Offen­bach. Ein europäis­ches Porträt), Peter Haw­ig (Musik­the­ater als Gesellschaftssatire. Die Offen­bachi­aden und ihr Kon­text) und Lau­rence Senelick (Jacques Offen­bach and the Mak­ing of Mod­ern Cul­ture) als vor­erst krö­nen­der Abschluss der Buch­neuer­schei­n­un­gen im Offen­bach-Gedenk­jahr.
Dieter David Scholz