Henkjan Honing

Der Affe schlägt den Takt

Musikalität bei Tier und Mensch. Eine Spurensuche

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 62

Ideenge­ber für das Buch des Kog­ni­tion­swis­senschaftlers Henk­jan Hon­ing war die These von Charles Dar­win ein­er gemein­samen biol­o­gis­chen Grund­lage der Musikalität bei Tier und Men­sch. Vorgestellt wer­den in diesem Buch eine Rei­he von Forschungsar­beit­en, eigene und solche von Kol­le­gen, die das Tak­t­ge­fühl unter­sucht­en, Let­zteres ver­standen als eine ele­mentare Bedin­gung der Musikalität. Das method­is­che Vorge­hen sah Mes­sun­gen elek­trisch­er Poten­ziale des Gehirns vor oder Mit­be­we­gun­gen. Hon­ing hat­te mit­tels EEG 2009 nachgewiesen, dass schon wenige Tage alte Babys eine Reak­tion bei einem zu erwartenden, aber aus­ge­lassen akzen­tu­ierten Schlag zeigen.
Für Hon­ings im engeren Sinn auf Evo­lu­tion­sprozesse fix­ierte Forschung über Tiere war es nahe­liegend, Exper­i­mente mit Affen durchzuführen. Unglück­licher­weise wur­den bei den Unter­suchun­gen eines Rhe­susaf­fen dem Leser zunächst falsche Ergeb­nisse präsen­tiert, ehe zwei Seit­en später berichtet wird, dass der Affe teil­weise taub war. Weit­ere Ver­suche legten nahe, dass die musikalis­che Metrik im engeren Sinn von Rhe­susaf­fen nicht erkan­nt wird.
Unsere näch­sten Ver­wandten, die Schim­pansen, scheinen metrisch-rhyth­misch wenig tal­en­tiert zu sein. Hon­ing wandte sich daher der The­o­rie des vokalen Ler­nens von Tieren mit ein­er laut­bilden­den Stimme zu, die einen vari­ieren­den Rhyth­mus hören und bess­er mitvol­lziehen kön­nen. Damit rück­en Vögel, Wale und Delfine in der Hier­ar­chie der Evo­lu­tion der Musikalität auf eine höhere Stufe. Snow­ball, ein zu Musik tanzen­der Kakadu, übri­gens heute noch im Inter­net, war schon berühmt und auch seine Bewe­gun­gen unter­sucht. Anpas­sun­gen an ein langsameres Tem­po vol­l­zog er müh­e­los, bei schnellem Tem­po passte er sich nur an wenige Beispiele an. Bal­an­ceprob­leme? Auch blieb er immer nur zeitweise im Takt − wie es auf­grund des Videos scheint − an aus­geprägt rhyth­mis­chen Stellen. Ver­hält er sich, wie es Orch­ester­musik­er ohne einen dirigieren­den Tak­t­ge­ber tun wür­den? Die Hypothese des vokalen Ler­nens wurde für Hon­ing weit­ge­hend entkräftet durch einen Seelöwen, der sich exakt zu einem Rhyth­mus bewe­gen kon­nte.
Hon­ings Buch ist weitschweifig. So gehören die Berichte über das Bet­telver­hal­ten von Seemöwenkück­en, die auf kün­stliche Schnä­bel reagieren, nicht in seinen Kon­text. Sie sind ein Erleb­nis­de­tail wie Beschrei­bun­gen von Bus­fahrten zu Forschungslabors oder von Sem­i­nar­räu­men, die nach frisch­er Farbe rochen. Im Nach­wort schildert er eine erlebte Gehirn­er­schüt­terung nach einem Fahrradun­fall, die seine Teil­nahme an einem Work­shop ver­hin­derte usw. Er wollte, wie
er expliz­it bemerk­te, kein wis­senschaftlich­es Buch schreiben, son­dern einen per­sön­lichen Bericht, der durch genaue Datierung von Begeg­nun­gen, Reisen usw. an ein Tage­buch erin­nert. Allerd­ings müsste man dazu mehr schrift­stel­lerische Fähigkeit­en haben. Die Lit­er­at­u­rangaben in den Anmerkun­gen zu den referierten Forschun­gen kön­nten jedoch inter­essierte Laien anre­gen, im Inter­net deren Zusam­men­fas­sun­gen zu lesen. Sie sind meist all­ge­mein­ver­ständlich.

Hel­ga de la Motte-Haber