Heide Stockinger/Kai-Uwe Garrels (Hg.)

Dein ist mein ganzes Herz”

Ein Franz-Lehár-Lesebuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 61

Diese Buch­gabe zum 150. Ehrentag des am 30. April 1870 in Komorn, Öster­re­ich-Ungarn (heute: Komárno, Slowakei), gebore­nen Franz Lehár spiegelt auch die liebevolle Anhänglichkeit ihrer Autoren für einen Kom­pon­is­ten, der mit Tantiemen­er­lösen und Auf­führungs- zahlen sog­ar Richard Strauss leicht­füßig übertrumpfte. Dabei hätte eine objek­tivierende Hal­tung zu eini­gen hart­näck­ig bewahrten Stereo­typen über Lehár in Bad Ischl oder aus dem Entste­hung­sum­feld später­er Werke wie “Friederike”, Lehárs Singspiel über eine Liebelei Goethes, und die an der Wiener Staat­sop­er 1934 uraufge­führte “Giu­dit­ta” sog­ar Operetten­verächter zum genaueren Blick auf den gern Geschmäht­en ver­führen kön­nen.
Wolf­gang Lakn­er, lange Zeit Inten­dant des Lehár Fes­ti­vals in Bad Ischl, plädiert für eine Operetten­re­form mit Mut zu aktu­al­isierten und spiel­freudi­gen Sichtweisen, wie er sie für die bis heute in ihrem Hybri­danspruch noch nicht angemessen gewürdigte “Zige­uner­liebe”, die von ihm in ein jüdis­ches Umfeld ver­set­zte “Blaue Mazur” und den oft belächel­ten “Zare­witsch” real­isiert hat. Wolf­gang Dosch reha­bil­i­tiert Lehár von dem Vor­wurf ein­er Anpas­sung aus inner­er Überzeu­gung an die Ide­olo­gie der braunen Machthaber nach der Annex­ion Öster­re­ichs. Nur unwillig gab Lehár, der auf­grund sein­er Ehe mit der seinethal­ben zur „Ehre­nar­i­erin“ ernan­nten Jüdin Sophie Meth, geb. Paschkis, erpress­bar war, die Zus­tim­mung zur arisierten Bear­beitung seines Früh­w­erks “Der Rastel­binder”. Noch ambiva­len­ter wird eine moral­isierende Ver­w­er­fung, weil Lehár durch mas­siv verzögernde Ein­wände darauf einzuwirken ver­mochte, dass die eben­falls jüdis­che Ehe­frau seines Bear­beit­ers Rudolf Wey dem Zwang­seinzug zum Arbeits­di­enst entkam. Die Argu­men­ta­tion an die Behör­den lautete: Ger­da Wey sei als Assis­tentin, Haus­frau und Mut­ter unent­behrlich, wenn Rudolf Wey die von der Bear­beitungsstelle forcierte Neu­fas­sung des “Rastel­binder” frist­gemäß vol­len­den solle.
Einen ver­tieften Ein­blick in die Fre­und­schaft mit Richard Tauber bieten die gegen Ende des Zweit­en Weltkriegs in Lon­don ent­stande­nen Erin­nerun­gen Taubers – mit respekt- vollen Anmerkun­gen von Kai-Uwe Gar­rels zu Stellen, bei denen der als Lehárs “Pagani­ni” und im “Land des Lächelns” vielbeschäftigte Tenor nicht allzu genau war.
Fast mehr noch als für die Eigen­tümer der Schikaned­er-Vil­la in Wien-Nuss­dorf, welche nach Franz Lehárs Tod am 24. Okto­ber 1948 von seinem Brud­er Anton bis 1962 bewohnt wurde, inter­essierte sich Hei­de Stockinger für Her­mine Kreuzer, die sich seit über 50 Jahren mit knapp kalkuliertem wirtschaftlichen Aufwand für Erhalt, Pflege und Konz­ert-Bespielung der Vil­la ein­set­zt.
Ganz kommt man bei Lehár am let­zten Strahlen der Donau-Dop­pel­monar­chie nicht vor­bei. Doch in diesem Lese­buch geht es vor allem um den heute unbekan­nten, in den Zeitläufen sein­er Alter­s­jahre ver­strick­ten Lehár und um überzeu­gende Plä­doy­ers für Par­ti­turen, die nicht länger im Schat­ten der “Lusti­gen Witwe” und des “Grafen von Lux­em­burg” ste­hen soll­ten – vor allem die einzi­gar­tige “Zige­uner­liebe”.

Roland Dip­pel