Werke von Reinhard Schwarz-Schilling, Wolfgang Amadeus Mozart, Peter Michael Hamel und anderen

Declamatory Counterpoint

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Aldilà Records ARCD 004
erschienen in: das Orchester 05/2014 , Seite 76

Sym­pho­nia Momen­tum – so lautet der Name eines Stre­i­chorch­esters, das 2010 von dem Diri­gen­ten und Musik­wis­senschaftler Christoph Schlüren ins Leben gerufen wurde. Im Novem­ber des­sel­ben Jahres fan­den einige Konz­erte u.a. in München und Berlin statt, deren Pro­gramm nun – zumin­d­est größ­ten­teils – auf CD vor­liegt. Zwei Grund­prinzip­i­en prä­gen die Arbeit des 20-köp­fi­gen Ensem­bles: zum einen, getreu dem Mot­to der Konz­erte „Ori­ent Occi­dent“, die Verbindung west­lich­er und östlich­er Musizier­tra­di­tion, zum anderen der Ein­satz für weit­ge­hend unbekan­ntes bzw. zu Unrecht vergessenes Reper­toire von außer­halb des tradierten Kanons ste­hen­den Kom­pon­is­ten wie Anders Elias­son, John Foulds und Rein­hard Schwarz-Schilling. Dessen mon­u­men­tales Stre­ichquar­tett bildet denn auch gle­ichzeit­ig Schw­er­punkt und Hauptent­deck­ung der CD.
Der 1985 ver­stor­bene Schwarz-Schilling repräsen­tiert eine momen­tan kaum noch im Musik­leben zur Diskus­sion gestellte Lin­ie, die von der Weit­er­en­twick­lung der großen kon­tra­punk­tis­chen Tra­di­tion deutsch­er Herkun­ft geprägt ist – Bach, Beethoven, Bruck­n­er – und deren gewichtig­ste Expo­nen­ten Hein­rich Kamin­s­ki und sein Schüler Schwarz-Schilling darstellen. Der Kom­pon­ist selb­st bear­beit­ete den ersten Satz seines Quar­tetts für Stre­i­chorch­ester, die übri­gen zwei Sätze tran­skri­bierte Christoph Schlüren eigens für die Konz­erte der Sym­pho­nia Momen­tum, sodass nun eine gen­uine „Stre­ich­er-Sym­phonie“ vor­liegt. Es han­delt sich um ein Werk von großer Abgek­lärtheit und gle­ichzeit­ig tiefer Lei­den­schaft, herb im Aus­druck und unab­hängig von Stil­be­grif­f­en wie Spätro­man­tik und Mod­erne. Es gelingt dem Orch­ester, den rhetorischen Aus­druck der Musik eben­so mustergültig zu Klang wer­den zu lassen wie deren kon­tra­punk­tisch dichte Fak­tur: Nicht umson­st ste­ht die CD unter dem Titel Declam­a­to­ry Coun­ter­point.
Der Rest des Pro­gramms beste­ht aus ein­er Kom­bi­na­tion von zeit­genös­sis­chen Werken und orches­tralen Bear­beitun­gen klas­sis­ch­er Werke für Stre­ichquar­tett – namentlich des ersten Satzes von Mozarts „Dis­so­nanzen-Quar­tett“ und der Cavati­na aus Beethovens op. 130. Zwis­chen diesen bei­den „Klas­sik­ern“ erklin­gen Peter Michael Hamels Ulisono – dem Andenken an Hamels Kol­le­gen Ulrich Stranz gewid­met –, Anders Elias­sons Solo-Vio­lin­stück In medias (meis­ter­haft vor­ge­tra­gen von Rebek­ka Hart­mann) sowie Arvo Pärts Ori­ent & Occi­dent, das ger­adezu sym­bol­haft für die Arbeit der Sym­pho­nia Momen­tum ste­ht. Denn nicht nur in diesem Werk, son­dern allen­thal­ben und nicht zulet­zt bei Mozart und Beethoven erleben wir ein Musizieren, das nicht nur von Pro­fes­sion­al­ität und Lei­den­schaft geprägt ist, son­dern auch für einen befre­it­en Aus­druck jen­seits der Dik­tatur des Tak­t­strichs ste­ht. Das Ide­al der freien Rede, das von jeher (auch) die Kun­st der Musik prägte: Hier ste­ht es im Vorder­grund und ist auch zum aller­größten Teil ver­wirk­licht. Man darf ges­pan­nt sein auf weit­ere Veröf­fentlichun­gen der Sym­pho­nia Momen­tum – mit Stan­dard­reper­toire eben­so wie Werken jen­er Kom­pon­is­ten, für die das Ensem­ble sich ein­set­zen möchte: Pehr Hen­rik Nord­gren, Heinz Tiessen, Robert Simp­son.
Thomas Schulz