Erich Wolfgang Korngold

Das Wunder der Heliane

Annemarie Kremer, Aris Argiris, Ian Storey, Katerina Hebelková, Frank van Hove, Nutthaporn Thammathi, György Hanczár, Philharmonisches Orchester Freiburg, Ltg. Fabrice Bollon

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos
erschienen in: das Orchester 06/2019 , Seite 69

Der Anfangser­folg von Erich Wolf­gang Korn­golds Oper Das Wun­der der Heliane mit ihren hybri­den Anforderun­gen ist leg­endär. Nach ein­er Pause von mehreren Jahrzehn­ten und der ein­er Reha­bil­i­ta­tion gle­ichk­om­menden Ein­spielung John Mauceris in der Dec­ca-Rei­he „Entartete Musik“ (1992) häufen sich die Wieder­auf­führun­gen: so an der Deutschen Oper Berlin 2018 und konz­er­tant in Lübeck 2019. Auch diese Freiburg­er Ein­spielung ent­stand nach ein­er konz­er­tan­ten Auf­führung.
Das 1927 in Ham­burg und Wien her­aus­gekommene Opus akku­muliert die Klang-Appa­ra­turen von Elek­tra und Die Geze­ich­neten. GMD Fab­rice Bol­lon ver­sucht die Par­ti­tur mit ihren pathetis­chen Chor­flächen, laut­en Gesangs­bö­gen und exor­bi­tan­ten, kräftezehren­den Her­aus­forderun­gen kul­tiviert zum Klin­gen zu brin­gen. Hans Müllers Textbuch nach dem Schaus­piel Die Heilige von Hans Kalt­nack­er spielt in einem total­itären Staat. ­Heliane, die Frau des Despoten, wird nach ihrem Tod mit der Licht­gestalt eines sich zur Bewahrung ihrer Integrität erdolchen­den Frem­den vere­int. Ein ero­tis­ches Mys­teri­um mit einem aufwändi­gen Zeichen­vor­rat aus ­Expres­sion­is­mus, Leben­sre­form­be­we­gung und Sym­bol­is­mus.
Diese Oper des jüdis­chen Kom­pon­is­ten Korn­gold wurde nach der Urauf­führung von der kon­ser­v­a­tiv­en Presse als vor­bildlich­es Werk gegen die „Jazz-Oper“ Jon­ny spielt auf des Katho­liken Ernst Krenek ver­her­rlicht – eine in der ide­ol­o­gis­chen Entwick­lung zum Nation­al­sozial­is­mus wohl ein­ma­lige Kon­stel­la­tion.
Als Zeit­doku­ment der 1920er Jahre bleibt Das Wun­der der Heliane faszinierend. Denn wie im Fall der Par­ti­tur von Kreneks Jon­ny spielt auf, in der Jazz nur eine von mehreren Ebe­nen auf Grund­lage ein­er erweit­ert tonalen, spätro­man­tis­chen Fak­tur ist, ver­schmelzen in Korn­golds Oper die let­zten über­steigerten Win­dun­gen der Wag­n­er-Nach­folge mit Massen­vi­sio­nen aus den Stumm­fil­men Fritz Langs und der sich aus den frauen­ver­ach­t­en­den Kru­ditäten des Fin du siè­cle nur quälend langsam her­auss­chälen­den Verän­derung der Geschlechter­rollen.
Bol­lon wehrt sich gegen Korn­golds kon­trastre­iche Kan­ten. Das macht seine Inter­pre­ta­tion mit dem von Bern­hard Mon­ca­do auf eine mon­u­men­tal prachtvolle Lin­ie gebracht­en Opern­chor mit Extra­chor sowie Freiburg­er Bach­chor stel­len­weise zu charis­ma­tisch. Betra­chtet aus rein musikalis­ch­er Per­spek­tive ist das natür­lich imponierend und im Sinn des auf extrem verkom­plizierte Beziehun­gen spezial­isierten Jung-Kom­pon­is­ten.
Annemarie Kre­mer, Ian Storey und Aris Argiris schweben, pulsieren, schwel­gen über den instru­men­tal­en Bal­lun­gen, in denen sog­ar har­monis­che Scharten eine wohlige Steigerung bewirken. Es fällt schw­er, die ange­brachte Skep­sis im hier ent­facht­en Rausch der opu­lent zele­bri­erten Maßlosigkeit nicht ganz zu vergessen. Das beste Gegen­mit­tel zu Heliane ist Korn­golds Operette Lied der Liebe frei nach Johann Strauß.
Roland Dip­pel