Brandenburg, Daniel / Rainer Franke / Anno Mungen (Hg.)

Das Wagner-Lexikon

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2012
erschienen in: das Orchester 03/2013 , Seite 62

Das Wagner-(Verdi-)Jahr 2013 warf schon im Vor­jahr seine Schat­ten voraus und machte sich für das Jubiläum fein. Rechtzeit­ig dazu erschien das Wag­n­er-Lexikon, das in beina­he 550 Artikeln “Wesentlich­es und Neues zum The­ma Wag­n­er” enthält, das fern­er weniger beachtete Per­so­n­en und Sachthe­men berück­sichtigt und das ver­sucht, „die ganze Band­bre­ite der vielschichti­gen Per­sön­lichkeit“ und deren Schaf­fen lexikalisch abzudeck­en. Ins­beson­dere das schwierige The­ma des Anti­semitismus, den Wag­n­er im Pam­phlet Das Juden­tum in der Musik aus­bre­it­ete, wird kri­tisch und offen behan­delt, Wag­n­er aber auch in Schutz genom­men. Obwohl von der Forschung “im Sinne des Nation­al­is­mus als exter­mi­na­torisch gedeutet”, nimmt es jedoch “den ver­meintlich pos­tulierten Genozid dur­chaus nicht vor­weg”, son­dern ver­weise im Gegen­teil sym­bol­isch auf eine utopis­che Gesellschaft­sor­d­nung. “Wed­er in den Libret­ti noch in den Par­ti­turen ließen sich gegen das Juden­tum gerichtete Fig­uren­ze­ich­nun­gen nach­weisen.” Wag­n­ers per­sön­liche Vor­be­halte seien kat­e­gorisch davon zu unter­schei­den.
Weit­er­hin find­en zum einen gedanken­starke Wag­n­er-Geg­n­er wie Theodor W. Adorno, der “das Musik­dra­ma zu stark vor dem Hin­ter­grund der absoluten Musik” beurteilte, oder der anfangs fre­undlich zuge­wandte Friedrich Niet­zsche beson­dere Würdi­gung mit eige­nen Stich­worten. Ins­beson­dere Adornos Schrift Der Fall Wag­n­er “ent­fal­tet ihre Stoßkraft eben deshalb, weil sie vol­lkom­men Zutr­e­f­fend­es enthält”. Es sei die “einzige kri­tis­che zeit­genös­sis­che Quelle über Wag­n­er, die sich aus ein­er genauen Ein­sicht in dessen Per­son und Werk speist”.
Auf der anderen Seite enthält das Buch reich­haltige Infor­ma­tio­nen über Ein­flüsse lit­er­arisch­er (Shake­speare, Goethe), philosophis­ch­er (Schopen­hauer) oder musikalis­ch­er Art (Beethoven, von Weber, Rossi­ni, Meyer­beer) sowie über die zahlre­ichen Wegge­fährten, Anhänger (Bruck­n­er, von Bülow), vor allem die Frauen – “die Galerie von Wag­n­ers Geliebten ist umfan­gre­ich” –, die er als “Musik des Lebens” beze­ich­nete. Selb­stver­ständlich fehlen seine einzel­nen Schriften und sämtliche Opern eben­sowenig wie die jew­eils darin han­del­nden Per­so­n­en sowie werkim­ma­nente Artikel wie diejeni­gen zu den Stich­worten Ästhetik, Har­monik, Instru­men­ta­tion, Leit­mo­tiv, Kom­po­si­tion­sprozess und Ton­malerei.
Über­aus bemerkenswert sind die Beiträge über die Wag­n­er-Rezep­tion, die Gesellschaften und Vere­ine und die bis heute anhal­tende Wirkung sein­er Musik. Sie reicht, ange­fan­gen bei Wag­n­er-Zeitgenossen, bis hin zum jun­gen Debussy und Schön­berg, Pfitzn­er, Skr­jabin und Hugo Wolf, bis in die Film­musik, in die darstel­len­den Kun­st, Karikatur und Kabarett (Lori­ot).
Einen bre­it­en Raum im Lexikon nehmen die Orte ein, an denen er sich aufhielt, seine Ansicht­en, Aufze­ich­nun­gen sowie seine bis heute wirk­ende, weitverzweigte Fam­i­lie und Nachkom­men. Ein etwas unüber­sichtlich­er Wag­n­er-Stamm­baum beschließt nach einem Werkverze­ich­nis und ein­er Chronik das in der Tat umfan­gre­iche und span­nend zu lesende, mit zahlre­ichen Bildern aufge­lock­erte Lexikon.

Wern­er Bodendorff