Gerard Mortier

Das Theater, das uns verändert

Essays über Oper, Kunst und Politik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 61

Kun­st muss das poli­tis­che Bewusst­sein fördern.“ Mehr denn je zuvor beschreibt diese schon im Jahr 2000 von Ger­ard Morti­er geäußerte Maxime eine gesellschaftliche Notwendigkeit in ein­er immer kom­plex­eren Welt. Morti­er, bekan­nt vor allem durch seine Inten­danz der Salzburg­er Fest­spiele von 1991 bis 2001, ein beken­nen­der Europäer – dafür ste­hen auch seine inter­na­tionalen Erfolge als The­ater­schaf­fend­er in Brüs­sel (seine ursprüngliche Herkun­ft), Paris, Salzburg, New York und Madrid –, wurde in seinem lei­der nur knapp 71 Jahre währen­den Leben nicht müde, die gesellschaft­srel­e­vante erzieherische und poli­tis­che Funk­tion des The­aters zu beto­nen.
Davon zeugt die nun vier Jahre nach seinem Tod zum 75. Geburt­stag erschienene Samm­lung von Essays, ent­standen zwis­chen 2000 und 2013. Teil­weise leicht redigiert, ges­trafft und verdichtet, han­delt es sich auch um öffentlich gehal­tene Reden, die in der Schrift­form eines gewis­sen Ein­greifens eines Lek­torats bedurften, so Her­aus­ge­ber Rein­hart Mey­er-Kalkus.
Der Ein­gang­s­text „Die kul­turelle Iden­tität Europas“ von 2013 liest sich denn ger­adezu prophetisch als Beschwörung, die Errun­gen­schaften eines vere­in­ten Europas zu wahren und weit­erzuen­twick­eln, und ver­weist auf die kul­turellen Zusam­men­hänge in Europa seit der Antike; Mortiers Mah­nung an die Europäer, nicht zum nation­al­is­tis­chen Staats­denken zurück­zukehren, ist heute sog­ar noch aktueller als damals, betra­chtet man den zunehmenden Ein­fluss recht­spop­ulis­tis­ch­er Poli­tik­er in immer mehr Län­dern.
Mortiers Enthu­si­as­mus und Engage­ment für das Musik­the­ater spürt der Leser in jed­er Zeile. So lesen sich die Essays auch in der An­ordnung wie eine kom­prim­ierte The­ater- bzw. Operngeschichte mit drei Schw­er­punk­ten: Unter dem Ober­be­griff „Die Oper: Auf­führung, Bühne, Pub­likum“ geht es zunächst um Insze­nierung, Büh­ne­nar­chitek­tur und den Wan­del des Opern­pub­likums von 1600 bis heute. Der Abschnitt „Große Opern, ihre Kom­pon­is­ten und Textdichter“ wid­met sich sodann den bedeu­tend­sten Opernkom­pon­is­ten, im Mit­telpunkt die Reformer, also Mon­tever­di, Gluck, Mozart und Richard Wag­n­er. Es geht aber auch um zeit­genös­sis­che Werke, an deren Auf­führun­gen Morti­er maßge­blich beteiligt war – Alban Bergs Wozzeck, Wolf­gang Rihms Eroberung von Mexiko und Olivi­er Mes­si­aens Saint François d’Assise –, sowie um die unter­schiedlichen, aber für ihn gle­icher­maßen starken Frauengestal­ten Elek­tra, Melisande und Kate­ri­na Ismailowa. Das über­ge­ord­nete The­ma „Kun­st und Poli­tik im Medien­zeital­ter“ beschließt die Samm­lung und fokussiert erneut die Verbindung von The­ater und gesellschaftlich­er bzw. poli­tis­ch­er Real­ität.
Ein über­aus lesenswertes Büch­lein, nicht nur für Ken­ner, son­dern auch für solche Leser, die es wer­den wollen, betont Morti­er doch, dass es nicht um Demokratisierung und massen­hafte Ver­bre­itung der Oper geht, son­dern um die inten­sive Her­an­führung des Pub­likums und Auseinan­der­set­zung mit einem kom­plex­en, manch­mal schwieri­gen, aber über­aus span­nen­den Medi­um.
Kay West­er­mann