Krummacher, Friedhelm

Das Streichquartett

Handbuch der musikalischen Gattungen, hg. v. Siegfried Mauser, Bd. 6,1 "Von Haydn bis Schubert", Bd. 6,2 "Von Mendelssohn bis zur Gegenwart"

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2001/2003
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 78

Die Gat­tung Stre­ichquar­tett erfordert Muße, vom Kom­pon­is­ten wie vom Inter­pre­ten, vom Musik­lieb­haber wie vom Musik­forsch­er. Denn die Geschichte der bald nach ihrer „Erfind­ung“ durch Joseph Haydn zur Königs­diszi­plin der ern­sten musikalis­chen Kun­stausübung erhobe­nen Ensem­blebe­set­zung ist eben­so umfan­gre­ich wie ihre Beiträge meist gewichtig sind. Denn sie wur­den oft mit dem Anspruch ver­fasst, „Musikgeschichte“ zu schreiben: Kom­pon­is­ten ver­standen und ver­ste­hen heute noch die Arbeit an einem Stre­ichquar­tett als beson­dere Her­aus­forderung und in der Regel als Prüf­stein und Beweis ihres Könnens.
Als Opus 1 ein Werk für vier Stre­ich­er vorzule­gen, war seit Anbe­ginn der Gat­tung ein anerkan­nt bedeut­sames Unter­fan­gen, dem in der Musik­welt bis heute große Aufmerk­samkeit ent­ge­genge­bracht wird. Dass daher immer noch jedes Jahr zwis­chen 150 bis 200 neue Quar­tet­tkom­po­si­tio­nen im Druck erscheinen – in ein­er eigentlich eher als „brot­los“ bekan­nten Kun­st –, das ist bei den hohen Ansprüchen des in der Regel kleinen, aber umso gebilde­teren Pub­likums außeror­dentlich bemerkenswert. In kaum ein­er anderen, über gut 250 Jahre stetig sich entwick­el­nden Diszi­plin wer­den musikalis­ches Kön­nen und klas­sis­che Bil­dung, wer­den die Orig­i­nal­ität des Intellek­ts und das abstrakt-musikalis­che Denken strenger beurteilt als beim Stre­ichquar­tett – einem beinah heili­gen Ort musikalis­ch­er Erken­nt­nis, den der Ruch uner­bit­tlich­er musikalis­ch­er Wahrheits­find­ung umgibt.
Ein umfassendes Forschungsvorhaben in diesem Bere­ich nimmt naturgemäß viel Zeit in Anspruch – die Auf­gabe ist gewaltig, auch wenn die Par­ti­turen eher klein scheinen. Lud­wig Fin­sch­ers erstem Band zur Geschichte der klas­sis­chsten aller musikalis­chen Gat­tun­gen (1974) fol­gte über fast drei Jahrzehnte kein zweit­er. Auch das von Carl Dahlhaus ins Auge gefasste Unternehmen zum sel­ben Gegen­stand, das Friedrich Krum­mach­er 1988 über­nahm, brauchte viele Jahre bis zur ersten Pub­lika­tion des ersten Bands (2001). Nun erschien der abschließende Fol­ge­band im „Hand­buch der musikalis­chen Gat­tun­gen“, sodass jet­zt erst­mals ein kom­plettes Kom­pendi­um zur Geschichte des Stre­ichquar­tetts zur Ver­fü­gung ste­ht, wobei Krum­mach­er, wie er im Vor­wort beken­nt, auf die umfan­gre­iche Quel­len­samm­lung Fin­sch­ers zurück­greifen kon­nte: Man kann diese bei­den Bände also mit einigem Recht als endlich Wort gewor­dene aktuelle Fort­führung von Fin­sch­ers vor­liegen­den Stu­di­en betrachten.
Krum­mach­ers zweit­er Band befasst sich mit der Gat­tungs­geschichte von Mendelssohn bis zur Gegen­wart, wobei der abschließende Beitrag von Joachim Brügge die aktuellen Ten­den­zen und Entwick­lun­gen seit 1975 zusam­men­fasst. Der Gang der Gat­tungs­geschichte von der Haus­musik zum öffentlichen Konz­ert und schließlich zum Medi­um avanciert­er Neutön­er, in der die Tra­di­tion auch dort noch „didak­tisch anwe­send [ist] … wo an ihrer Auflö­sung kom­poniert wird“ (Fin­sch­er), wird von Krum­mach­er in ihrer umfassenden Fülle aufgear­beit­et. Dabei beleuchtet er die etablierten Meis­ter der Gat­tung genau­so wie einige nur zeitweise Bedeu­tung find­en­den, heute aber oft zu Unrecht zu Reper­toireaußen­seit­ern gewor­de­nen Kom­pon­is­ten: von Hirschberg und Raff über Fuchs und Gern­sheim bis zu Bloch und Nord­heim. Beson­deres Augen­merk lenkt der Autor auf Kom­pon­is­ten des skan­di­navis­chen Raums. 
Dem gern diag­nos­tizierten „Nieder­gang“ der Gat­tung in den 60er und 70er Jahren („Ein Stre­ichquar­tett! So was Bürg­er­lich­es!“ hieß es 1967/68 als erste Reak­tion auf Lui­gi Nonos Plan, sein Werk für das LaSalle Quar­tett – das schließlich bedeu­tend­ste sein­er Zeit – zu schreiben) fol­gte eine Renais­sance in den 80er Jahren, als Wolf­gang Rihm wieder sagen kon­nte, „Stre­ichquar­tett“ sei für ihn ein „magis­ches Wort“.
Dem Boom im Bere­ich der aktuellen Musikpro­duk­tion entsprach auch ein ver­mehrtes Inter­esse an der Wieder­ent­deck­ung weit­ge­hend vergessen­er Kom­pon­is­ten auf dem CD-Markt: Namen wie Onslow oder Gold­mann wur­den durch Ein­spielun­gen ihrer Quar­tet­tkom­po­si­tio­nen wieder in den Blick der Öffentlichkeit gehoben. 
Insofern will auch Krum­mach­ers umfassende Aufar­beitung ver­ständlicher­weise keine Voll­ständigkeit beanspruchen. Die Menge des bewältigten Stoffs ist ohne­hin beachtlich, und so macht auch der Kundi­ge in diesen Bän­den immer wieder Ent­deck­un­gen. Einzel­mono­grafien und ‑analy­sen sowie zusam­men­fassende Essays zu nationalen oder stilis­tis­chen Grup­pierun­gen wech­seln sich ab.
Mit diesem kom­pe­tent ver­fassten, weit greifend­en, his­torisch-chro­nol­o­gisch geord­neten, dabei aber Par­al­le­len­twick­lun­gen trans­par­ent machen­den Überblick ist Fried­helm Krum­mach­er ein pro­fun­des Stan­dard­w­erk gelun­gen, das die durch ihre Entste­hungs­geschichte ungewöhn­lich klar umris­sene, anspruchsvolle Gat­tung in ihrer ganzen Entwick­lung bis in die Beinah-Gegen­wart hinein sou­verän nachze­ich­net. Dass sich in der Beschrei­bung der Quar­tettpro­duk­tion des ver­gan­genen Jahrzehnts unver­mei­dlich Lück­en auf­tun, liegt in der Natur ein­er solchen Arbeit, die nicht jede Verzwei­gung ver­fol­gen kann, wenn sie den Fortschritt der Gat­tung durch die Zeit­en aufzeigen will.
Da durchge­hende Tra­di­tion­slin­ien in Deutsch­land und Öster­re­ich durch die Nazi-Dik­tatur entwed­er unter­brochen – wenn nicht aus­gelöscht – bzw. in die herrschende Ide­olo­gie zeitweise aufge­so­gen wur­den, war ein Neuan­fang nach 1945 unumgänglich. So stellte sich etwa die „Darm­städter Schule“ der Auseinan­der­set­zung mit dem Genre (Boulez), und Kom­pon­is­ten wie Ligeti, Pen­derec­ki oder Kagel ver­sucht­en neue Ansätze in psy­choakustis­ch­er oder eher the­atralisch-iro­nis­chen Rich­tun­gen. Doch selb­st die in der fol­gen­den Gen­er­a­tion erfol­gte Total-Deter­mi­na­tion (Fer­ney­hough), die Total-Zertrüm­merung (Lachen­mann) und die end­los zerdehnte Total-Niv­el­lierung (Feld­man) aller musikalis­chen Bestandteile und Möglichkeit­en gaben der Gat­tung immer wieder neue Impulse. Dass Wolf­gang Rihm sie wie seine Vorgänger Bartók, Schön­berg, Schostakow­itsch zum eigentlichen Zen­trum seines Kom­ponierens erhob, scheint keineswegs ver­wun­der­lich. Und was Joseph Haydn und all seine Nach­fol­ger so faszinierte, übt auch heute wieder seine Rei-ze aus: Die größt­mögliche Aus­drucksvielfalt bei unübertr­e­f­flich aus­ge­wo­gen­em Klang­bild und erstaunlich gerin­gen Mit­teln – vier kom­pe­tente Stre­ich­er sind nötig, mehr nicht.
Kurz gehal­tene Noten­beispiele, Reg­is­ter und Lit­er­aturhin­weise run­den die rel­a­tiv han­dliche Dop­pelaus­gabe dieses umfassend informieren­den Hand­buchs ab und ermöglichen so auch die Nutzung als gewinnbrin­gen­des Nachschlagewerk.
 
Matthias Roth