Othmar Schoeck

Das Schloss Dürande

Berner Symphonieorchester, Ltg. Mario Venzago

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Claves 50-1902-04
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 66

Einige Schweiz­er Kün­stler prof­i­tierten stark von den Entwick­lun­gen im „Drit­ten Reich“. Sie sprangen in die Bresche, nach­dem jüdis­che und „entartete“ Kul­turschaf­fende ver­trieben waren. Zu ihnen zählt der Zürcher Kom­pon­ist Oth­mar Schoeck, der von ein­er Oper nach Joseph von Eichen­dorff träumte – in den Augen der Nation­al­sozial­is­ten der „deutscheste aller deutschen Dichter“.

Schoeck nahm sich Eichen­dorffs Nov­el­le Das Schloss Dürande vor, die von ein­er auswe­glosen Liebe in den bluti­gen Wirren der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion erzählt: Armand, Sohn des Her­zogs Dürande, und die Schwest­er des Jägers kön­nen aus Standes­grün­den nicht zueinan­der kom­men. Der Kom­pon­ist tat sich mit dem Dichter Her­mann Burte zusam­men, einem eifrigen Anhänger der nation­al­sozial­is­tis­chen Ide­olo­gie. Vor allem Bur­tes mit­telmäßiges, ide­ol­o­gisch infil­tri­ertes Libret­to trägt Schuld daran, dass Schoecks Oper heute als nicht mehr spiel­bar gilt. Zwar ist Bur­tes Text eigentlich unpoli­tisch, jedoch zeigt die mal brachiale, mal kitschige Sprache genau jene Merk­male, die Vic­tor Klem­per­er als typ­isch für die Ver­balver­hun­zung der „Lin­gua Ter­tii Imperii“ erkan­nte. Nach der Urauf­führung, die 1943 an der schon teil­weise zer­bombten Berlin­er Staat­sop­er stat­tfand, hielt selb­st Her­mann Göring die schiefen Reime für „Bock­mist“ und set­zte die Insze­nierung nach vier Auf­führun­gen ab.

Um jedoch die hörenswerte Musik zu ret­ten, hat nun ein Pro­jekt der Bern­er Kun­sthochschule für eine Neu­fas­sung mit stark über­ar­beit­etem ­Libret­to gesorgt. In Bern erk­lang der frisch ren­ovierte Vier­ak­ter im Früh­jahr 2018 konz­er­tant; der Mitschnitt erscheint bei dem Schweiz­er Label Claves. Der Bern­er Schrift­steller Francesco Micieli hat die prob­lema­tis­chen Pas­sagen durch „echte“ Eichen­dorff-Verse erset­zt; der Diri­gent Mario Ven­za­go passte die neuen Gesang­s­texte in die Par­ti­tur ein.

Der Mitschnitt zeigt: Libret­to und Musik sind beim Schloss Dürande nun auf ein­er Höhe. Oth­mar Schoeck erweist sich als Anhänger der spät­tonalen Musik­sprache, zum Dun­stkreis von Strauss, Zem­lin­sky und Korn­gold gehörend. Freilich hinkt Schoeck um Jahrzehnte aktuellen Entwick­lun­gen hin­ter­her, jedoch enthüllt das Bern­er Sym­phonieorch­ester unter Mario Ven­za­go die inten­sive Sogkraft sein­er drama­tis­chen Kom­po­si­tion. Sou­verän arbeit­et sich Ven­za­go durch die atmo­sphärisch dicht­en, spätro­man­tisch opu­len­ten Klänge. Er bringt den süf­fi­gen Far­ben­re­ich­tum der Par­ti­tur zur Gel­tung und leuchtet leis­ere Pas­sagen behut­sam aus, sodass die Sänger ein­fühlsam getra­gen wer­den.

Das vielköp­fige Solis­ten-Ensem­ble agiert aus­drucksstark und deut­lich artikulierend in diesem „naturbe­lasse­nen“ Konz­ert­mitschnitt. Die glühende Poe­sie der bei­den Lieben­den (Sophie Gordeladze/Uwe Stick­ert) ste­ht im effek­tvollen Gegen­satz zum abge­brüht zynis­chen Bari­ton des Jägers (Robin Adams). Man wün­scht dieser „ent­naz­i­fizierten“ Eichen­dorff-Oper einen Platz im reg­ulären Betrieb. Den Anfang machte im März das Meininger The­ater mit ein­er szenis­chen Erstauf­führung der Neu­fas­sung.

Antje Rößler