Henri Gourdin

Das Mädchen und die Nachtigall

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Urachhaus, Stuttgart
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 64

Hen­ri Gour­din, der einige Biografien ver­fasst hat (u.a. über Delacroix oder Casals), schrieb mit Das Mäd­chen und die Nachti­gall seinen ersten Roman. Erzählt wird die Geschichte der jun­gen Kata­lanin Maria Soraya, die als Tochter repub­likanis­ch­er Eltern nach der Ein­nahme Barcelonas durch die Fran­co-Trup­pen im Jan­u­ar 1939 in die franzö­sis­chen Ost-Pyrenäen fliehen muss. Als Waise kommt sie ins Lager Argelès, aus dem sie von ein­er Bäck­er­fam­i­lie als Zwangsar­bei­t­erin ange­fordert wird, um Brot zu verkaufen.
Den Haupt­teil des Buchs nimmt ihr Ver­such ein­er Assim­i­la­tion an ihre neuen Lebens­be­din­gun­gen ein, sprach­lich, men­tal, poli­tisch, dabei stets unter der Gefahr von der Polizei der kol­la­bori­eren­den Pétain-Regierung abge­holt oder umge­bracht zu wer­den. In dieser Sit­u­a­tion erduldet sie Anfein­dun­gen und Über­griffe des Bäck­ers, gewin­nt aber auch Ver­traute wie einen Priester oder die Tochter des Bürg­er­meis­ters. Diese Ambivalenz zeigt Gour­din durch klare Per­so­n­en­charak­ter­is­tik auf.
Der Titel des Romans entstammt ein­er Klavier­bal­lade aus Enrique Grana­dos’ Zyk­lus Goyescas. Das hier aus­ges­parte erste Wort des Titels (Que­jas, Kla­gen) trifft Marias Zus­tand, doch nur anfänglich. Es stellt sich her­aus, dass sie früher Klavier spielte (sie spielt dieses Stück dann auch in der Roman­hand­lung), eben­so Cel­lo, sog­ar Schü­lerin von Pau Casals war. Sie find­et her­aus, dass dieser im nahegele­ge­nen Prades lebt. Casals ermutigt sie, ihr Cel­lospiel wieder­aufzunehmen und gibt ihr einzelne Stun­den an freien Sam­sta­gen, für die sie in Erman­gelung eines Instru­ments nicht üben kann. Casals tritt als väter­lich­er, etwas gebrech­lich­er Fre­und auf, seine Leis­tun­gen als Musik­er wer­den im Roman angedeutet (z.B. in der Schilderung seines let­zten Diri­gats der 9. Sym­phonie Beethovens, deren Auf­führung bere­its unter­sagt war), mehr wird seine human­is­tis­che, antifaschis­tis­che Grund­hal­tung the­ma­tisiert, seine Hil­f­sak­tio­nen, seine Ver­bun­den­heit mit Kat­alonien.
Der Roman liest sich flüs­sig, vere­inzelt treten Hol­prigkeit­en auf („Meine ersten Erin­nerun­gen fall­en unge­fähr mit dem Ein­tritt Spaniens und ins­beson­dere Kat­aloniens in einen bedeu­ten­den Moment ihrer Geschichte zusam­men“). Eine Liebesgeschichte mit einem Flieger, der sich de Gaulle anschließt, bleibt eher Episode. Das erste Wieder­se­hen mit Casals in Marias geträumtem Gebet an die Eltern im Him­mel zu ver­ar­beit­en, wird nicht jeden Geschmack tre­f­fen.
Der Autor ori­en­tiert sich ent­lang der recher­chierten Dat­en, welche im Anhang abge­druckt sind, die manchen Pas­sagen des Romans einen fast lexikalis­chen Anstrich geben. Die auf dem Klap­pen­text angedeutete Wider­stand­sar­beit wird erst im Schlusssatz, in dem Maria Casals gegenüber ihr Kom­men ankündigt, angedeutet.
In diesen Roman spielt Musik eine wichtige Rolle, doch nicht die wichtig­ste. Lesenswert ist er für diejeni­gen, die Inter­esse haben an der his­torischen Sit­u­a­tion zwis­chen Frankre­ich und Spanien (und damit auch Deutsch­land) nach Ende des Spanis­chen Bürg­erkriegs.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau