Gustav Mahler

Das Lied von der Erde

Magdalena Kožená (Mezzosopran), Stuart Skelton (Tenor), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Simon Rattle

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR-Klassik
erschienen in: das Orchester 03/2019 , Seite 68

Die Musik Gus­tav Mahlers bildet einen der großen Schw­er­punk­te im Reper­toire des Diri­gen­ten Simon Rat­tle – und das schon seit Jahrzehn­ten. Bere­its als junger Chefdiri­gent des City of Birm­ing­ham Sym­pho­ny Orches­tra hat er in den 1980er Jahren begonnen, Werke Mahlers einzus­pie­len – darunter auch die von Deryck Cooke ver­voll­ständigte Zehnte, für die er sich inten­siv einge­set­zt hat und ein­set­zt.
Das exis­ten­ziell aufwüh­lende Spätwerk Mahlers hat es dem Diri­gen­ten ohne­hin getan. So ver­wun­dert es nicht, dass jet­zt nach 23 Jahren eine neue Auf­nahme des Lieds von der Erde vor­liegt. In Birm­ing­ham hat­te Rat­tle für seine erste Auf­nahme die sprödere Ver­sion mit Tenor und Bari­ton gewählt, in der Neuein­spielung sin­gen eine Mez­zoso­pranistin, Rat­tles Gat­tin Mag­dale­na Kožená, und ein Tenor, der zulet­zt beson­ders in Wag­n­er-Par­tien gefeierte Stu­art Skel­ton. Rat­tle ste­ht hier am Pult des Sym­phonieorch­esters des Bay­erischen Rund­funks bei dem Mitschnitt von Jan­u­ar 2018. Das Münch­n­er Orch­ester ist ein Mahler-Orch­ester mit Tra­di­tion, das unter Rafael Kube­lik einst als erster deutsch­er Klangkör­p­er alle Mahler-Sym­phonien aufgenom­men hat. Lorin Maazel und Mariss Jan­sons set­zten und set­zen die inten­sive Mahler-Pflege fort.
Simon Rat­tle weiß die Mahler-Kom­pe­tenz des BR-Sym­phonieorch­esters und dessen orches­trale Extrak­lasse in dieser Wieder­gabe des Lieds von der Erde opti­mal zu nutzen. Der Diri­gent hebt beson­ders die kam­mer­musikalis­che Fak­tur in weit­en Teilen des Werks her­vor und durch­leuchtet den Satz mit sel­tener Klarheit und Far­bigkeit. Ohne sich in Einzel­heit­en zu ver­lieren, ent­fal­tet Rat­tle die Par­ti­tur sehr detail­ge­nau und wartet mit ein­er großen Fülle unter­schiedlich­er Klang­valeurs auf.
Doch ist dies nur eine Seite des Werks – und nur eine Seite von Rat­tles nach­haltiger Wieder­gabe. Die andere ist der exis­ten­zielle Aus­druck der Musik, ist ihre Auseinan­der­set­zung mit Abschied und Tod. In dieser Wieder­gabe fol­gen die Solis­ten, das Orch­ester und der Diri­gent sehr unmit­tel­bar allen bewe­gen­den emo­tionalen Regun­gen der Musik. Das ist in einem dop­pel­ten Sinn des Wortes Lied­kun­st in großem For­mat.
Mag­dale­na Kožená überzeugt durch eine sehr aus­ge­feilte Textdik­tion, eine plas­tis­che Tonge­bung und einen pathos­freien Vor­trag, bei dem sich die Erfahrun­gen der Sän­gerin mit Alter Musik spür­bar auszahlen. Stu­art Skel­ton meis­tert die immensen Anforderun­gen der Tenor­par­tie sehr ein­drucksvoll. Mehr noch, er erweist sich in jed­er Phase als ein über­legen­er und hoch inten­siv agieren­der Gestal­ter sein­er drei Stücke.
Diese neue Auf­nahme set­zt in der umfan­gre­ichen Disko­grafie des Werks Zeichen und doku­men­tiert eine vom ersten bis zum let­zten Takt aus­drucksvolle und span­nungs­ge­ladene Deu­tung des Lieds von der Erde, die Mahlers unnum­merierte Sym­phonie emo­tion­al und ana­lytisch auf faszinierende Weise greif­bar macht.
Karl Georg Berg