Ottner, Carmen (Hg.)

Das Ende der Symphonie in Österreich und Deutschland von 1900–1945

Symposion 2012

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Doblinger, Wien 2014
erschienen in: das Orchester 04/2015 , Seite 69

Nach dem „Ende der Sin­fonie“, wie es seit Mitte des 19. Jahrhun­derts immer wieder verkün­det wurde, arbeit­eten sich Kom­pon­is­ten den­noch weit­er an der Gat­tung und ihrem Anspruch ab, ob in Fort­führung, Umfor­mung oder Nega­tion der Vor­bilder. Mit diesem Para­dox­on set­zen sich die Beiträge des vor­liegen­den Ban­des auseinan­der, die aus Vorträ­gen beim 9. Inter­na­tionalen Franz Schmidt-Sym­po­sion 2012 ent­standen, das sich inhaltlich auf die „Entwick­lung in Öster­re­ich und Deutsch­land von 1900–1945“ konzen­tri­erte.
Den in Ziel­rich­tung und Schw­er­punk­t­set­zung sehr het­ero­ge­nen Beiträ­gen ste­ht das Eröff­nungsrefer­at Wol­fram Stein­becks voran, der im his­torischen Abriss zeigt, wie die allein im Bere­ich des Sin­fonis­chen geführte „Ende“-Debatte die Kehr­seite der Wertschätzung der Sin­fonie als Gat­tung höch­sten Rangs bildet. Einzel­nen Kom­pon­is­ten wen­den sich die fol­gen­den Artikel zu. Hans-Joachim Hin­rich­sen wirft den Blick auf Gus­tav Mahlers sin­fonis­ches Œuvre, das je nach Lesart „Ende“ oder „Anfang“ bedeutet. Wal­ter Wer­becks Betra­ch­tung der Musik von Richard Strauss führt zum Resümee, dieser habe nur zwei eigentliche Sin­fonien hin­ter­lassen, doch „unen­twegt sym­phonisch kom­poniert“. Als „Weltan­schaungs-“, doch vor allem „Weltab­wen­dungsmusik“ inter­pretiert im Anschluss daran Wolf­gang Fuhrmann Hans Pfitzn­ers Gat­tungs­beiträge.
Franz Schmidts vier Sym­phonien wer­den dop­pelt beleuchtet: Während sich Ger­hard J. Win­kler ihren „Form­prob­le­men“ zuwen­det, liefert Thomas Leib­nitz die „Außen­sicht“ auf Entste­hung­sum­stände und Wirkung. Eben­falls mehrfach im Fokus ste­hen die „Neue Wiener Schule“ und ihr Umfeld. Eike Fess wid­met den Kam­mer­sym­phonien Schön­bergs und Schrek­ers eine ver­gle­ichende Betra­ch­tung, Niko­laus Urbanek inter­pretiert Anton Weberns op. 21 als eine „Aufhe­bung“ der Sin­fonie im dialek­tis­chen Sinn Hegels, Man­fred Per­moser sieht Ernst Kreneks Sym­phonien im „Span­nungs­feld von Tra­di­tion und Inno­va­tion“ und Rein­hard Kapp for­muliert mit sein­er Auflis­tung von „Sym­phonien und Ver­wandtem von Ange­höri­gen der Wiener Schule“ ein noch anzuge­hen­des Forschung­spro­jekt. Dazwis­chen ste­ht der Beitrag von Joachim Diederichs, der der Bedeu­tung des Begriffs „Sym­phonie“ für den Schön­berg-Antipo­den Josef Matthias Hauer nach­spürt.
Über das Wiener Umfeld hin­aus reichen die Beiträge von Wil­helm Sinkovicz, der eine Ehren­ret­tung der ger­ing geschätzten Sin­fonik Hin­demiths ver­sucht, sowie von Nils Grosch, der Kurt Weills isoliert ste­hende Sym­phonie von 1933/34 in den Kon­text der „The­ater­musik“ stellt. Der Seite der musikalis­chen  Auf­führung­sprax­is und Rezep­tion wen­den sich die let­zten drei Beiträge des Ban­des zu. Car­men Ottner doku­men­tiert Urauf­führun­gen von Sym­phonien und Ver­wandtem im Wiener Musikvere­in, Philipp Stein unter­sucht mit sta­tis­tis­chen Meth­o­d­en das Reper­toire des „Orch­esterkonz­erts im Wiener Konz­erthaus“ und Kseni­ja Zadravec beleuchtet am Beispiel der Wiener Presse von 1900 bis 1938 die Sin­fonik im „Spiegel der Kri­tik“.
Ger­hard Dietel