© Uwe Arens

Frauke Adrians

Das definitive Dutzend

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker feiern ihre ersten 50 Jahre

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 20

Mit einem Quartett zum 35. Geburtstag eines Cellisten fing alles an. Der Rest ist Musikgeschichte. In diesem Jahr können die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker auf ihr erstes halbes Jahrhundert zurückblicken: ein einzigartiges Ensemble in den besten Jahren.

Als Rudolf Wein­sheimer 1972 vorschlug, ein Stück für zwölf Cel­li einzus­tudieren und aufzunehmen, ran­nte er bei seinen Kol­le­gen von der Cel­lo-Gruppe der Berlin­er Phil­har­moniker keine offe­nen Türen ein. Alexan­der Wedow erin­nert sich deut­lich an die Skep­sis unter seinen Mit­cel­lis­ten: „Kein­er hat­te Lust darauf. Es war schon eine kleine Gewaltleis­tung von Rudolf, die erste Probe zusam­men­zubekom­men. Es ging um ein Stück von unge­fähr zwölf Minuten Dauer, aber auch dafür muss man ganz schön lange proben. Und es war nicht so, dass wir nicht schon genug zu tun gehabt hät­ten!“ Die zwölf Her­ren waren zudem „so was von unter­schiedlich – jed­er war anders, jed­er kam aus ein­er anderen Schule, hat­te ein anderes Lev­el“. Im Alter allerd­ings lagen die meis­ten nicht allzu weit auseinan­der. „Wir Jüng­sten waren in den Dreißigern“, andere, wie Rudolf Weins­heimer, hat­ten den 40. Geburt­stag noch nicht lange hin­ter sich.
Genau genom­men war es Wein­sheimers 35. Geburt­stag, mit dem die Vorgeschichte der 12 Cel­lis­ten der Berlin­er Phil­har­moniker begann. Damals, 1966, lud der junge Jubi­lar drei Kol­le­gen zur Feier ein und bat jeden, ein Stück für Cel­lo-Quar­tett mitzubrin­gen. Diese Geschichte ist, wie so viele andere aus dem reichen 12-Cel­lis­ten-Anek­doten­fun­dus, in dem auf Rudolf Wein­sheimers Erin­nerun­gen beruhen­den Buch Der siebte Cel­list nachzule­sen. Auch Alexan­der Wedow – die Num­mer neun unter den Zwölfen – erin­nert sich daran. „Es kamen vier kleine Stücke zusam­men, wir haben uns an der Solo-Posi­tion abgewech­selt. Und die Gäste bei der Geburt­stags­feier waren begeis­tert. Da kam dann Rudolfs Tal­ent zum Vorschein: Er hat gemerkt, wir kön­nen uns mit so einem Pro­gramm hören und sehen lassen! Und da hat er es gle­ich für unsere bevorste­hende Japan-Tournee ange­boten.“ Wein­sheimers Schwiegervater kon­nte als Japanologe Kon­tak­te zur Wase­da-Uni­ver­sität in Tokio her­stellen und – „damit sich der Aufwand auch lohnen würde“, wie Wein­sheimers Biografin Moni­ka Borth schreibt – oben­drein zum japanis­chen Rund­funk NHK.

Zu viert in Tokio und Salzburg

Über den Enthu­si­as­mus, mit dem auch das japanis­che Pub­likum den Auftritt des Cel­lo-Quar­tetts feierte, waren die vier Akteure selb­st ein wenig ver­wun­dert. „Für uns Cel­lis­ten war das ja nichts Beson­deres“, sagt Alexan­der Wedow. Aber für die Konz­ertbe­such­er. Sie kan­nten den Klang der Cel­li inner­halb des Orch­esters und hat­ten das Instru­ment sich­er auch schon in Kam­merkonz­erten und solo erlebt. Aber was ein auss­chließlich aus Cel­li beste­hen­des Ensem­ble kann, welchen Ton­um­fang, welche Klangfülle und ‑var­i­anz es bietet – von sat­tem Unisono-Bass zu viert bis hin zu haar­feinen Fla­geo­letts eines Solo­cel­los, von lyrischem Gesang bis hin zu witzig-spritzi­gen Spic­cati und Pizzi­cati –, das war den meis­ten offen­bar mehr oder weniger neu.
Das Quar­tett gastierte beim ORF in Salzburg und spielte das Cel­lis­ten-Pro­gramm dort 1967 ein. Dann aber soll­ten fünf Jahre verge­hen, bis der ORF-Auf­nah­meleit­er auf dieses beein­druck­ende Gast­spiel zurück­kam und Wein­sheimer und dessen Kol­le­gen einen noch viel größeren Coup antrug: den Hym­nus op. 59 für zwölf Vio­lon­cel­li von Julius Klen­gel. „Wie Rudolf so war“, erin­nert sich Alexan­der Wedow, trom­melte er nicht nur die ganze Cel­logruppe der Berlin­er Phil­har­moniker zusam­men, „son­dern auch gle­ich die gesamte Presse“ und einige Ver­wandte. Etwa 25 Zuhör­er erlebten 1972 den Startschuss der 12 Cel­lis­ten mit. „Das Pub­likum hat das Stück zweimal gehört“, so Wedow, „alle waren sich einig: Das klingt ja unglaublich!“ Sofort habe für Rudolf Wein­sheimer fest­ge­s­tanden: „Näch­stes Jahr machen wir ein ganzes Konz­ert daraus.“ Alexan­der Wedows Ein­wand, man habe doch gar kein Reper­toire, son­dern bloß ein einzelnes Stück, ließ er nicht gel­ten: „Das kommt.“
Es kam tat­säch­lich. Wie, auch dazu gibt Rudolf Wein­sheimer in seinen Lebenserin­nerun­gen Auskun­ft. Leg­en­den­sta­tus errang ins­beson­dere die Geschichte, wie er ein­mal zufäl­lig Boris Blach­ers 15-jährige Tochter als Anhal­terin zur Phil­har­monie mit­nahm, wofür sich ihr Vater mit einem Stück für 12 Cel­lis­ten revanchierte, der Rum­ba phil­har­mon­i­ca. Über die näch­sten Jahre fol­gten Werke viel­er weit­er­er Kom­pon­is­ten. Alexan­der Wedow hat eine Liste ange­fer­tigt, die von Jean Françaix bis Arvo Pärt reicht, von Ian­nis Xenakis über Tōru Takemit­su bis Wolf­gang Rihm. Fast zwei Dutzend Namen bedeu­ten­der Kom­pon­is­ten umfasst die Liste allein bis 1996, dem Jahr von Rudolf Wein­sheimers Pen­sion­ierung; danach kamen noch viele weit­ere hinzu. Und zu kein­er Zeit waren die 12 Cel­lis­ten allein auf Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen angewiesen: Stets fan­den sich Arrangeure, die Werke für andere Beset­zun­gen den Bedürfnis­sen und Ton­la­gen des quer­stre­ichen­den Dutzends anpassten.
Dass das Arrang­ieren allerd­ings auch Gren­zen hat, ließ Mar­tin Menk­ing, Wein­sheimers Nach­fol­ger als Erster unter den zwölf Gle­ichen, im Jan­u­ar 2022 im Gespräch mit dem Tagesspiegel ­durch­blicken. Man habe fest­stellen müssen, „dass kein Men­sch ein 
12-Cel­lis­ten-Arrange­ment von Bachs 6. Bran­den­bur­gis­chem Konz­ert braucht. Weil das Werk für sich spricht. Eben­so wie die Klavier­stücke von Schu­mann“, wird Menk­ing von Tagesspiegel-Redak­teur Fred­erik Hanssen zitiert.

Zwölf Gleiche

Eine Auswahl der geschicht­strächtig­sten und besten Stücke aus 50 Jahren Cel­loensem­ble-Geschichte spielte das amtierende Dutzend beim Fes­tkonz­ert am 9. Jan­u­ar in der Phil­har­monie; ein Pro­gramm, mit dem die 12 Cel­lis­ten ihr Jubiläum­s­jahr eröffneten. Vier bis fünf Stun­den Musik habe man auf dem Zettel gehabt, erzählte Zwölftett-Mit­glied und Konz­ert­mod­er­a­tor Lud­wig Quandt, „alles Werke, die wir gern spie­len woll­ten. Jet­zt weiß ich, was ein Stre­ichkonz­ert ist.“ Alexan­der Wedow, der das Konz­ert als Zuhör­er in der Phil­har­monie miter­leben kon­nte, hat seine Freude an Quandts humor­vollen, pointierten, nicht sel­ten selb­stiro­nis­chen Mod­er­a­tio­nen. „Das ist eine echte Bere­icherung. Und es stellt noch mehr Nähe zum Pub­likum her.“
Nähe war schon immer ein Kennze­ichen der 12 Cel­lis­ten – nicht nur, weil eine Kam­mer­musik­gruppe aus einem Dutzend Musik­ern nun mal nah­bar­er wirkt als ein großes Sin­fonieorch­ester. Beson­dere Sym­pa­thien schlu­gen den 12 Cel­lis­ten schon deshalb ent­ge­gen, weil dieses so vol­lkom­men ungewöhn­liche Ensem­ble viele ungeschriebene Geset­ze des Klas­sik-Konz­er­twe­sens über­trat und damit für viele die Schwelle zur „E‑Musik“ senk­te. Hier, so schien es jeden­falls dem Pub­likum, spiel­ten Musik­er ohne Ran­gord­nung; die Cel­lis­ten, die da im Hal­bkreis saßen, wirk­ten abso­lut gle­ich­w­er­tig, zumal jed­er im Laufe des Konz­erts deut­lich als indi­vidu­elle Cel­lostimme zu vernehmen war und kürzere oder län­gere Soli spielte. „Für die Solo­cel­lis­ten“, erin­nert sich Alexan­der Wedow schmun­zel­nd, „war es nicht immer leicht, dass bei den 12 Cel­lis­ten die Tut­tis­ten gle­ichrangig waren – und dass alle im Ensem­ble das Gle­iche verdienten.“
Und dieses Ensem­ble – auch das gefiel den Zuhör­ern und Zuschauern – seilte sich gern mal von den Höhen des klas­sis­chen Reper­toires ab und spielte Pop­uläres, das es son­st in klas­sis­chen Konz­erten über­haupt nicht oder allen­falls mal als Zugabe zu hören gab: etwa Nino Rotas bekan­nte Melodie aus dem Felli­ni-Film La Stra­da oder Paul McCart­neys Yes­ter­day. Den Bea­t­les-Hit wid­me­ten die aktuellen Zwölf beim Konz­ert am 9. Jan­u­ar aus­drück­lich ihrem 90-jäh­ri­gen Grün­der Rudolf Wein­sheimer (Mod­er­a­tor Lud­wig Quandt: „Lieber Rudi, das spie­len wir jet­zt ganz alleine für dich“), der im Unter­schied zu Alexan­der Wedow nicht selb­st in die Phil­har­monie kom­men kon­nte. Zu sehen und zu hören bekam er das Jubiläum­skonz­ert der 12 Cel­lis­ten den­noch – der Dig­i­tal Con­cert Hall sei Dank.

Vorbild für andere

Das umfassende Dig­i­tal-Ange­bot zählt zu den Inno­va­tio­nen, die die Berlin­er Phil­har­moniker den meis­ten anderen Orch­estern voraushaben. Aber auch die 12 Cel­lis­ten selb­st waren eine Inno­va­tion mit Vor­bild­wirkung für andere Ensem­bles, andere Orch­ester. Ganz sich­er hat die ungewöhn­liche For­ma­tion vie­len Musik­ern Mut gemacht, jen­seits vom Stre­ichquar­tett und anderen „klas­sis­chen“ Kle­in­grup­pen Ensem­ble­grün­dun­gen zu wagen. Ohne sie hätte sich wohl beispiel­sweise das Cel­lo-Met­al-Quar­tett Apoc­a­lyp­ti­ca nie formiert. Auch andere Cel­lis­ten-Zwölftette gab und gibt es – etwa die 2007 von dem Ger­aer Cel­lis­ten Lukas Drey­er ins Leben gerufe­nen 12 Thüringer Cel­lis­ten, die es immer­hin zu zahlre­ichen Konz­erten und ein­er CD bracht­en. Doch dieses Ensem­ble, das auch ein Zeichen gegen Kürzun­gen und Stre­ichun­gen im Kul­turhaushalt des Lan­des Thürin­gen set­zen wollte, hat­te es ungle­ich schw­er­er als sein Berlin­er Vor­bild. Schon für zwölf Musik­er inner­halb eines einzi­gen Orch­esters ist es eine logis­tis­che Meis­ter­leis­tung, Proben- und Konz­ert­ter­mine zu find­en, die allen passen. Die 12 Thüringer Cel­lis­ten aber entstammten bis zu zehn ver­schiede­nen Orch­estern und wohn­ten weit ver­streut in einem – wenn auch kleinen – Flächen­land. Da kon­nte die Ter­min-Koor­dinierung auf Dauer nicht funk­tion­ieren. Trotz­dem: Wer die Thüringer 12 damals zwis­chen ­Eise­nach und Altenburg im Konz­ert erlebt hat, erin­nert sich sich­er gern.
Inno­v­a­tiv war – und ist –, wie die 12 Cel­lis­ten der Berlin­er Phil­har­moniker ihrem Pub­likum zeit­genös­sis­che Werke ver­mit­teln – oder: unter­jubeln –, ohne dass jemand zuckt. Im Pro­grammheft eines Sin­foniekonz­erts würde eine Quote von 80 Prozent Neuer Musik bei großen Teilen des Pub­likums für heftige Bedenken, wenn nicht für Abwehr- oder Fluchtreak­tio­nen sor­gen. Von den 12 Cel­lis­ten indes erwarten die Zuhör­er nichts anderes. „Wir hat­ten einen unglaublichen Erfolg damit“, sagt Alexan­der Wedow. „Und jedem Kom­pon­is­ten, dem wir begeg­neten, hat Rudolf gesagt: Schreib uns ein Stück!“

Der Zwölfte von der Komischen Oper

Rudolf Wein­sheimer war unbe­strit­ten der Grün­der und ­Impuls­geber der Zwölf. Doch dass die Cel­lis­ten der Phil­har­moniker über­haupt ein run­des Dutzend statt ein­er Elf waren, haben sie indi­rekt Alexan­der Wedow zu ver­danken. Der gebür­tige Berlin­er war im Jahr des Mauer­baus ein junger Mann von 28 Jahren. Er lebte im West­teil der Stadt, arbeit­ete jedoch seit fünf Jahren – als Tut­tist, dann als Vor­spiel­er, schließlich als stel­lvertre­tender Solo­cel­list – an der Komis­chen Oper in Ost­ber­lin. Das war bis 1961 unprob­lema­tisch. Selb­st nach dem 13. August sagte Wal­ter Felsen­stein, Grün­der und langjähriger Inten­dant der Komis­chen Oper, seinen West-Mitar­beit­ern zu, sie nicht zu ent­lassen und ihnen sog­ar einen Teil ihrer Gehäl­ter in West­geld zu zahlen. „Aber an der Komis­chen Oper zu bleiben, hätte bedeutet, jeden Tag die Gren­ze über­queren zu müssen“, so Wedow – ein zeit- und ner­ve­naufwendi­ger Spießruten­lauf. „Ich habe daher um die Ent­las­sung aus meinem Ver­trag gebeten.“
Nun war er ein­er der nicht ger­ade weni­gen arbeit­slosen Musik­er in West­ber­lin. Doch gute Kon­tak­te zu ehe­ma­li­gen Kom­mili­to­nen und eine Por­tion Glück kamen ihm zu Hil­fe. Seine Fre­unde aus Studien­tagen Christoph Kapler und Wolf­gang Boettch­er spiel­ten mit­tler­weile bei den Berlin­er Phil­har­monikern und gaben dem dor­ti­gen Cel­lo-Ein­teil­er den Hin­weis, dass Wedow als Aushil­fe zur Ver­fü­gung ste­he. Und dann richteten die Phil­har­moniker eine zwölfte Cel­lo-Stelle ein. In der Zeit nach dem Mauer­bau, erin­nert sich Alexan­der Wedow, hät­ten viele West-Orch­ester ihre Stellen aufge­stockt, um Musik­er aufnehmen zu kön­nen, die aus der DDR gekom­men waren oder so wie er ihre Stellen im Ost­teil Berlins ver­loren hat­ten. So wurde er 1962 der zwölfte Cel­list der Phil­har­moniker. Bis sich zehn Jahre später die 12 Cel­lis­ten als Ensem­ble grün­de­ten, rück­te er auf Rang neun vor.
Anders als Rudolf Wein­sheimer hat er keine Mem­oiren veröf­fentlicht. Aber im Gespräch nen­nt auch er ohne Zögern Ereignisse aus der Geschichte der 12 Cel­lis­ten, die er nie vergessen wird. Dazu gehört die Israel­reise des Ensem­bles in den Siebzigern, aber auch ein Konz­ert im japanis­chen Kaiser­palast; Bun­de­spräsi­dent Richard von Weizsäck­er hat­te dem Kaiser­haus den dor­ti­gen Auftritt der 12 Cel­lis­ten geschenkt. Kaiser Aki­hi­to, selb­st ein hinge­bungsvoller Cel­lospiel­er, und Kaiserin Michiko hörten nicht nur zu: „Die Kaiserin war fabel­haft am Klavier, wir haben mit ihr zusam­men eine Zugabe gespielt.“ Zuvor musste Michiko allerd­ings im Flüster­ton die Erlaub­nis ihres kaiser­lichen Ehe­mannes einholen.
Noch tiefer hat sich Alexan­der Wedow eine Begeg­nung mit Jacque­line du Pré beim ersten Lon­don­er Konz­ert der 12 Cel­lis­ten 1977 eingeprägt. Die welt­berühmte Cel­listin, Ehe­frau von Daniel Baren­boim, war damals bere­its schw­er an Mul­ti­pler Sklerose erkrankt und auf den Roll­stuhl angewiesen. Doch sie wollte das Cel­lis­ten-Ensem­ble aus Berlin unbe­d­ingt ken­nen­ler­nen. Beim Konz­ert saß sie in der ersten Rei­he – „und jubelte“, erin­nert sich Wedow voll Wärme.

Durchstarten mit 25

Vor allem diese einzi­gar­ti­gen men­schlichen Begeg­nun­gen sind es, die das oft auch von Stress und Hek­tik geprägte Musik­er­leben bere­ichert haben. Alexan­der Wedow hat erst rel­a­tiv spät – als 13-Jähriger – mit dem Cel­lospie­len ange­fan­gen, doch dank eines sehr guten Lehrers, der seinen Schülern außer den Unter­richtsstun­den auch die Chance zu all­monatlichen Konz­erten bot, erre­ichte er Profi-Niveau, kam aufs Kon­ser­va­to­ri­um, dann an die Komis­che Oper. „Ich kon­nte mich auf dem Cel­lo immer aus­drück­en.“ Bis 1999 blieb er Phil­har­moniker, bis vor acht Jahren hat er noch Stre­ichquar­tett gespielt – und Cel­lo-Kon­tra­bass-Duo mit dem Enkel. Inzwis­chen, sagt er, habe er aufge­hört. „Entwed­er man macht es so, wie man es all die Jahre machen kon­nte. Oder man lässt es sein.“ Dass es weit­erge­ht – mit den Phil­har­monikern sowieso, aber auch mit den 12 Cel­lis­ten –, das ist ihm eine große Freude.
Die Stab- oder bess­er Bogenüber­gabe von Rudolf Wein­sheimer zu Mar­tin Menk­ing liegt nun auch schon wieder gut 25 Jahre zurück. Und sie war, erin­nert sich Menk­ing im Gespräch mit dieser Zeitschrift, nicht ganz selb­stver­ständlich. „Unser Solo­cel­list Georg Faust hat damals beschlossen, dass das Ensem­ble Poten­zial hat und fort­ge­führt wer­den soll. Aber die Leitung der 12 Cel­lis­ten wurde ihm zu viel.“ Mar­tin Menk­ing, der seit dem Studi­um Erfahrung als Kam­merensem­ble-Leit­er hat­te, über­nahm – mit eigens angeschafftem Com­put­er – die vie­len organ­isatorischen Auf­gaben, während sich Faust vor allem um frische musikalis­che Inhalte küm­merte. „Ich bin da so reingepurzelt. Als ich mit den 12 Cel­lis­ten anf­ing, war das Ensem­ble aber eher so ein Phan­tom, das Reper­toire war bei den Konz­erten immer mehr oder min­der das gle­iche“, so Menk­ing. „Heute wech­seln wir die Pro­gramme. Das war eben der Impuls von Georg Faust, der die Parole aus­gegeben hat­te: Lasst uns durchstarten!“
Zum Durch­starten gehörte die Ein­spielung der ersten Tan­go-CD der 12 Cel­lis­ten. Die vie­len Stun­den für Proben und Auf­nah­men trotzten die Musik­er dem ohne­hin vollen Zeit­plan der Phil­har­moniker ab. „Es war schon immer eine große Kun­st, solche Ter­mine und Konz­erte auf die Beine zu bekom­men“, sagt Mar­tin Menk­ing. „Ich sage den Kol­le­gen immer wieder, dass das etwas Beson­deres ist und eine dur­chaus zer­brech­liche Angele­gen­heit.“ Ein Cel­list eines anderen welt­berühmten Orch­esters habe ihm mal gesagt, dass es in seinem Orch­ester undenkbar wäre, „dass alle Cel­lis­ten auch nur zusam­men zu Abend essen“ – geschweige denn, sich frei­willig in einem Kam­merensem­ble zusam­men­find­en. „Unser Geheim­nis ist eben nicht nur, dass wir alle aus ein und dem­sel­ben Orch­ester kom­men, son­dern auch, dass wir uns ganz gut verstehen.“

Die Jüngeren sind gefragt

Und während das runde Cel­lo-Dutzend angesichts der vie­len, vie­len Konz­ert­ter­mine – „über 500 waren es allein in den ver­gan­genen 25 Jahren!“, so Menk­ing stolz – über Jahre nur mith­il­fe von Aushil­fen zusam­men­zubekom­men war, ist die Beset­zungslage heute entspan­nter: Die Cel­logruppe der Phil­har­moniker zählt nicht mehr zwölf, son­dern 14 Köpfe. 2007 kam mit der Französin Solène Ker­mar­rec erst­mals eine Cel­listin dazu, 2009 mit der Britin Rachel Helleur-Sim­cock die zweite – was im Jubiläum­s­jahr schon per se ein Medi­en­the­ma ist. Bei den Phil­har­monikern im All­ge­meinen und den 12 Cel­lis­ten im Beson­deren sieht man die Geschlechter­frage gelassen. Im Übri­gen, so Menk­ing, gelte: „Wer im Probe­spiel am besten ist, wird genom­men, unab­hängig vom Geschlecht.“ Dass weit­ere Frauen ins Orch­ester und an die Cel­lo-Posi­tio­nen kom­men, ist also wohl haupt­säch­lich eine Frage der Zeit.
Zu den lieb­sten Erin­nerun­gen aus der Ensem­blegeschichte gehört für Mar­tin Menk­ing ein Konz­ert 2002 in Süd­ko­rea. „Am sel­ben Abend gab es ein Fußball-WM-Spiel Süd­ko­re­as gegen die Türkei um Platz 3. Wir sind in den roten T‑Shirts der kore­anis­chen Fans ange­treten“, was das Konz­ert­pub­likum den Cel­lis­ten hoch anrech­nete und den Jubel ins Ohren­betäubende anwach­sen ließ. Beson­ders gern denkt Menk­ing auch an die Jubiläum­sauftritte der Zwölf zurück, sowohl zum 25- als auch zum 50-jähri­gen Beste­hen, „weil wir auf diese Konz­erte beson­ders fokussiert hingear­beit­et haben. Diese Jubiläen haben mich sehr beschäftigt.“ Er hat auch schon all die Mem­o­ra­bilien und Fotos aus 50 Jahren zusam­menge­tra­gen und gesichtet, „das ist ein riesiger Berg“, der selb­stver­ständlich ins Phil­har­moniker-Archiv gehört. Denn die 12 Cel­lis­ten sind ein entschei­den­der Teil der Orchestergeschichte.
Das wür­den wohl selb­st Musik­er aus ganz anderen Stim­m­grup­pen zugeben, auch wenn da, wie die Cel­lis­ten ein­räu­men, immer eine Prise Neid mitschwingt. Alexan­der Wedow erin­nert sich an eine Orch­ester­probe, bei der die Cel­li heftig patzten – und sich den gedehn­ten Kom­men­tar eines Obois­t­en ein­fin­gen: „Aha, die berühmten 12 Cel­lis­ten…“ Mar­tin Menk­ing trägt gele­gentliche Sticheleien mit Fas­sung. „Ohne Neid würde es ja gar keinen Spaß machen“, witzelt er. „Aber diejeni­gen, die es uns nei­den, gön­nen es uns auch und sind sog­ar ein biss­chen stolz auf uns.“ Und wenn die 12 Cel­lis­ten zu Beginn ein­er anstren­gen­den Phil­har­moniker-Tournee schon am Ankun­ftsabend ein Konz­ert geben – dür­fen? müssen? –, während alle anderen sich noch von den Stra­pazen der Anreise erholen kön­nen, liegen Neid und Erle­ichterung dicht beieinan­der. „Außer­dem kann ja jed­er der Kol­le­gen auch selb­st Kam­mer­musik machen, wenn er will“, betont Menk­ing. Das sei jedem Musik­er zu wün­schen und dem ganzen Orch­ester sowieso: Kam­mer­musik-Erfahrung des Einzel­nen komme auf jeden Fall dem Orch­esterk­lang und dem Zusam­men­spiel zugute.
Die 12 Cel­lis­ten sind 50, und da, find­et Mar­tin Menk­ing, sei es an der Zeit, dass die näch­ste Gen­er­a­tion übern­immt. „Lud­wig Quandt ist 60, ich bin Mitte 50. Jet­zt soll­ten sich allmäh­lich die Jün­geren äußern, wie es weit­erge­hen soll.“ Was aber nicht heißt, dass er sich schon zurückziehen möchte; dazu macht ihm die Sache viel zu viel Spaß. „Ich bin mit Überzeu­gung dabei.“ Und das, weiß er, gilt für alle Cel­lis­ten der Berlin­er Philharmoniker.

Moni­ka Borth: Der siebte Cel­list – Aus dem Leben des Berlin­er Phil­har­monikers und Grün­ders der 12 Cel­lis­ten Rudolf Wein­sheimer, Schott Music, Mainz 2019, 124 Seiten

Das Buch gibt es jet­zt auch auf Englisch unter dem Titel The Sev­enth Cellist.