Joachim Kremer/ Heinrich W. Schwab (Hg.)

Das Amt des Hofkapellmeisters um 1800

Bericht des wissenschaftlichen Symposiums zum 250. Geburtstag des dänischen Hofkapellmeisters Friedrich Ludwig Æmilius Kunzen (1761-1817)

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Von Bockel, Neumünster 2018
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 63

Ein Fußtritt wie der des Salzburg­er Fürsterzbischofs Col­lore­do 1781 für diesen jun­gen, unangepassten Hofkapellmeis­ter Mozart war nicht mehr möglich. Inzwis­chen hat­te die Rev­o­lu­tion von 1789 das Beziehungs­ge­füge zwis­chen Adel, Klerus und Bürg­er­tum doch kri­tisch durch­drun­gen; Aufk­lärung und Napoleons Code civ­il wur­den auch jen­seits der von ihm eroberten Län­der von der jew­eili­gen Intel­li­gen­zia wahrgenom­men – trotz der par­al­lel wieder erstark­enden Restau­ra­tion.
Das Amt eines Hofkapellmeis­ters in diesem Span­nungs­feld und der 250. Geburt­stag von Friedrich Lud­wig Æmil­ius Kun­zen, der am dänis­chen Königshof in Kopen­hagen als solch­er tätig war, waren The­ma ein­er Tagung und Stoff für ein Buch mit je einem Auf­satz zu den Hofämtern in Schw­erin, Stock­holm, Berlin, Wien, Eutin und Dres­den. Etliche der Buchau­toren waren sich dessen bewusst, dass sowohl musik­wis­senschaftliche Aspek­te zu berück­sichti­gen waren als auch sozialgeschichtliche Fak­ten, die sich aber auf einige wenige Zahlen beschränken: etwa die Kürzung von Kun­zens fes­ten Bezü­gen von 2000 auf 1200 Gulden – was nur etwas aus­sagen würde, wenn Preise für Brot, Klei­dung und Miete als Ver­gle­ichs­größe angegeben wären. Viele andere Zah­len wie ander­weit­ige „Hon­o­rare“ oder Zuwen­dun­gen fehlen lei­der. Die The­men „Urlaube“ und „Reisen“ – damals eine zen­trale Weit­er­bil­dungsmöglichkeit – hät­ten eine ver­gle­ichende Unter­suchung ver­di­ent.
Anschaulich wird hinge­gen die Vielzahl der zer­e­moniellen Kom­po­si­tions- und Musizier­an­lässe. Geburt­stage, Ver­mäh­lun­gen, Feste, Feiern, Messen, Ein­wei­hun­gen und Begräb­nisse wur­den musikalisch umrahmt; natür­lich war das kom­pos­i­torisch oft­mals „für den Tag“ gemacht oder aus vorhan­de­nen Werken kom­piliert. Die Bindung der höfis­chen Musik an Unter­hal­tungs- und Repräsen­ta­tions­bedürfnisse war eng. Ihr standen die Autonomieansprüche des musikalis­chen Kunst­werks gegenüber, die viele Amtsin­hab­er erheben – so auch Kun­zen. Seine 1789 uraufge­führte Große Oper Hol­ger Danske – Oberon nimmt tat­säch­lich Züge von Carl Maria von Webers Werk vor­weg und wider­legt die bis zu Richard Wag­n­er übliche, aber eben nicht durch­weg zutr­e­f­fende Abqual­i­fizierung viel­er Werke als „Kapellmeis­ter­musik“. Aus ein­er Vielzahl von jew­eils orts- oder per­so­n­en­spez­i­fis­chen Details sticht das Amt in Wien her­aus, das älteste beleg­bare musikalis­che Hof­amt seit etwa 1500.
Der Hofkapellmeis­ter war Insti­tu­tion des Hofs, gehörte also nicht zum Gefolge des Fürsten.
Haupt­gewinn der Lek­türe bleibt die Ein­sicht in den Spa­gat zwis­chen „Fürs­ten­di­ener“ und „freiem Kün­stler“– und somit die Bestä­ti­gung von Tele­manns schon 1740 geäußert­er Ein­sicht in Bezug auf das vom Monar­chen abhängige Hofamt mit hohem Anspruch und Pres­tige auf der einen Seite und die Dauer­haftigkeit eines städtis­chen Amts auf der anderen: „Wer Zeitlebens fest sitzen wolle, muss sich in ein­er Repub­lik nieder­lassen.“
Wolf-Dieter Peter