Werke von Robert Hutchinson, Kevin McKee, Ayis Ioannides und anderen

Customised

Gewandhaus Brass Quintett

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 20693
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 95

Um es gle­ich vor­wegzunehmen: Kün­st­lerisch hat mich diese CD begeis­tert. Es gibt nur einen Punkt, der mich stört. Ist es wirk­lich nötig, in Zeit­en, in denen uns junge Men­schen wöchentlich ermah­nen, an die Umwelt zu denken, eine CD in ein­er Hart­plas­tik-Hülle anzu­bi­eten? Nein, ist es nicht, denn was diese fan­tastis­chen Musik­er auf dieser CD bieten, wäre auch in jed­er anderen Ver­pack­ung ein Genuss. Vielle­icht mag auch der derzeit­ige durch Coro­na begrün­dete Man­gel an schö­nen Klän­gen seinen Teil dazu beitra­gen, dass man von dem Zusam­men­spiel der fünf Blech­bläs­er so gefan­gen wird. Bei den vie­len YouTube-Videos von mit Kopfhör­er spie­len­den Musik­ern, von denen man weiß, dass die einzel­nen Stim­men sep­a­rat einge­spielt und anschließend zusam­mengeschnit­ten wer­den, tut es gut, ein Ensem­ble zu hören, das ein­drucksvoll unter Beweis stellt, dass gemein­sames Musizieren viel mehr ist als nur gle­ichzeit­iges Spiel.
Auss­chließlich Orig­i­nal­w­erke zeit­genös­sis­ch­er Kom­pon­is­ten sind auf dieser CD zu hören. Die fast durch­wegs tonalen Stücke beweisen, dass es nicht notwendig ist, immer nur mit Effek­ten zu arbeit­en, um Musik unser­er Zeit zu schreiben. Vielmehr ist es eine Wohltat, wenn Instru­mente auch gemäß ihrem Charak­ter ver­wen­det wer­den. Darüber hin­aus sind die Kom­po­si­tio­nen durch­wegs kun­stvoll.
Robert Hutchin­son (*1970) ori­en­tiert sich in seinem “Brass Quin­tett” an großen Meis­tern wie Bach, Beethoven und Straw­in­sky und bleibt daher auch in der For­mge­bung beim klas­sis­chen Schnell-langsam-schnell-Prinzip. Seine Musik groovt, was wohl nicht zulet­zt an seinen kom­pos­i­torischen Erfahrun­gen im Jazzbere­ich liegen mag. Der 1980 in Kali­fornien geborene Kevin McK­ee beschreibt in seinem “Iron horse” Kind­heit­ser­leb­nisse mit Dampfloko­mo­tiv­en. Auch er ver­ste­ht es, mit kom­pos­i­torischen Tra­di­tio­nen zu hantieren. So sind gle­ich mehrere her­vor­ra­gend kom­ponierte Fugen zu ent­deck­en.
Die “Rem­i­niszen­zen” des 1943 gebore­nen Ayis Ionan­nides beziehen sich auf die zwei großen Kom­pon­is­ten Bach und Bruck­n­er. So ist der wohl berühmteste The­menkopf B‑A-C‑H in ver­schiede­nen kleinen Fugen ver­ar­beit­et. Darüber hin­aus wer­den zahlre­iche Zitate aus den Sin­fonien Anton Bruck­n­ers gegenübergestellt und raf­finiert verknüpft. Stef­fen Schleier­ma­ch­er (*1960) hat in seinem 2018 geschriebe­nen Quin­tett “Zögernde Klan­gord­nung” eine ganz andere Herange­hensweise. Jedes Instru­ment tritt mit seinem ganz per­sön­lichen Charak­ter her­vor, erst zögernd wie der Titel des Werks ver­rät, dann immer ungezügel­ter, bis alles wieder zusam­men­bricht. Man kann es nicht tre­f­fend­er beschreiben als der Kom­pon­ist selb­st: „… zur selig­machen­den Syn­these kommt es nicht, besten­falls zum Kom­pro­miss.“ Das “Pas­sion­a­to in Modo di Jazz” des 1973 gebore­nen Jesse Milliner bildet den Abschluss. In dem kürzesten Werk dieser CD wer­den Jazz und klas­sis­che Kom­po­si­tion­sweisen aus­drucksstark ver­bun­den.
Alles in allem kann man also dem Gewand­haus Brass Quin­tett zu dieser wirk­lich hörenswerten CD nur grat­ulieren.

Ulrich Haider