Francis Poulenc / Charles Koechlin

Couleurs

Artur Pizarro (Klavier), Bamberger Symphoniker, Ltg. Thomas Rösner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Odradek
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 69

Er liebte Zeit seines Lebens den Nachthim­mel, die Sterne, das All. In früher Jugend wollte Charles Koech­lin sog­ar Astronom wer­den. Daraus wurde jedoch nichts, eben­so wenig aus sein­er dann eingeschla­ge­nen Lauf­bahn als Inge­nieur, die er wegen ein­er lang anhal­tenden Tuberku­loseerkrankung nicht fort­set­zen kon­nte. Was fol­gte, waren Stu­di­en bei Jules Massenet, dann bei Gabriel Fau­ré. Seinen Forscher­drang kon­nt sich Koech­lin allerd­ings bewahren. Ähn­lich den Kom­pon­is­ten sein­er Gen­er­a­tion wie etwa Mau­rice Rav­el, George Enes­cu oder Rey­nal­do Hahn trieb ihn unbändi­ge Ent­deck­er­lust um. Livre de la jun­gle heißt eine lange Serie von Sin­fonis­chen Dich­tun­gen und Orch­ester­liedern, an denen er über einen Zeitraum von fast vierzig Jahren arbeit­ete. Die Anziehungskraft des Ster­nen­him­mels lebte in der Sin­fonis­chen Dich­tung Vers la voûte étoilée aus dem Jahr 1933 fort. Man betritt darin eine geheimnisvolle Ton­welt mit sphärischen Klän­gen, wuch­ern­den Lin­ien, sub­tilen Farb­mis­chun­gen und raf­finiert­er Har­monik. Die Bam­berg­er Sym­phoniker unter Leitung von Thomas Rös­ner spüren diesen Facetten­re­ich­tum mit erlesen­er Klangkul­tur auf. Das Ensem­ble bringt den mal sat­ten, mal schmerzhaft-blenden­den, dann aber auch kam­mer­musikalisch verästel­ten Orch­esterk­lang aus­geze­ich­net zur Gel­tung. Seine sin­guläre Orches­tra­tionstech­nik hat Koech­lin, der eine eigene Orches­tra­tionslehre ver­fasst hat, auch den Titel „Klan­gal­chemist“ einge­bracht. Unter dem Titel Couleurs hält die vor­liegende CD ein Plä­doy­er für diesen unge­mein pro­duk­tiv­en Kom­pon­is­ten, der mehr als zwei­hun­dert Werke in fast allen Gat­tun­gen hin­ter­ließ und dabei in die Bere­iche von Poly- und Atonal­ität vorstieß, mit dem Klavierzyk­lus Heures Per­sanes Messiaen’sche Klangmys­tik vor­weg­nahm und am Lebensende Motet­ten im archais­chen Stil schrieb. Auch das zweite Koech­lin-Werk – Sur les flots loin­tains – entwick­elt eine langsam sich ent­fal­tende Sogkraft und betört mit koloris­tis­chem Zauber­w­erk.
Der größere Teil der CD ist allerd­ings Werken von Fran­cis Poulenc gewid­met, der ein Schüler von Koech­lin war. Bei­de Kün­stler verbinde „die Sinnlichkeit in der Mis­chung der Bläser­far­ben, die Opu­lenz und gle­ichzeit­ige Trans­parenz der Orch­ester­be­hand­lung“, schreibt Diri­gent Thomas Rös­ner im Book­let. Poulencs Ton­sprache ist ele­gant, geistre­ich und – anders als bei Koech­lin – ökonomisch, manch­mal sen­ti­men­tal, oft unter­halt­sam. All diese Ingre­dien­zen machen aus der 1947 geschriebe­nen Sin­foni­et­ta ein kurzweiliges Hörvergnü­gen, nicht zulet­zt wegen der eben­so pack­enden wie inni­gen Wieder­gabe durch die Bam­berg­er Sym­phoniker. Kom­plet­tiert wird die CD mit dem 1949 ent­stande­nen, fün­ften und let­zten Klavierkonz­ert von Poulenc. Der brasil­ian­is­che Pianist Artur Pizarro spielt tem­pera­mentvoll und mit blitzen­der Vir­tu­osität, hat aber auch ein Händ­chen für zarte und lyrische Par­tien. Die Auf­nah­men ent­standen 2017 und 2019 in der Konz­erthalle Bam­berg.
Math­ias Nofze