Werke von Gustavo Beytelmann, Luis Borda, Pablo Aguirre und anderen

Contacto Tango

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Neos PABD 11319
erschienen in: das Orchester 05/2014 , Seite 80

Drei Jahre nach ihrer außergewöhn­lichen Ein­spielung mit Solosonat­en Mieczys­law Wein­bergs wid­met sich die Bratschistin Julia Rebek­ka Adler unter tatkräftiger Mitwirkung des Pianis­ten José Gal­lar­do eini­gen vom Tan­go nue­vo bee­in­flussten Werken zeit­genös­sis­ch­er argen­tinis­ch­er Kom­pon­is­ten. Als beson­ders gewichtig erweisen sich die Cin­co piezas para vio­la y piano (1997) von Gus­ta­vo Beytel­mann: Adler und Gal­lar­do wech­seln hier zwis­chen instru­men­talem Gesang, deklam­a­torischem Vor­trag und rhyth­misch vorantreiben­dem Duk­tus, ohne dabei die Verbindung zum Tan­go-Ton­fall aus den Augen zu ver­lieren. Raf­finiert ist Adlers Klanggestal­tung, die, bes­timmt von dif­feren­ziertem Vibra­toein­satz, die For­mung weich­er und voller Klänge bis hin zum scharf pro­fil­ierten sul-pon­ti­cel­lo-Klang mit knack­ig artikuliertem Boge­nansatz kom­biniert. Gal­lar­do wiederum spielt voller Zurück­hal­tung, ver­schwindet jedoch nie im Hin­ter­grund, son­dern bes­timmt mit seinem klaren, stel­len­weise auch trock­e­nen Anschlag die rhyth­mis­chen Fein­heit­en der Musik.
Auf diese Weise find­en die Musik­er auch in den übri­gen Kom­po­si­tio­nen zu überzeu­gen­dem Zusam­men­spiel: Luis Bor­das El vien­to de ver­dad (1996/2012) for­men sie zu einem rhap­sodis­chen Dia­log voller Fein­heit­en, in Pablo Aguir­res Lib­eración (2010) ver­hüllen sie das Tan­gogerüst mit spielerisch umge­set­zten vir­tu­osen Momenten, und Miguel Varvel­los Entre­laza­dos (2007) set­zen sie als emo­tion­al aufge­ladene Klage voller Zwis­chen­töne und agogis­chem Erfind­ungsre­ich­tum um.
Den vier jün­geren Werken ste­hen, die zweite Hälfte der Pro­duk­tion bildend, drei Kom­po­si­tio­nen von Astor Piaz­zol­la, dem Ini­tia­tor des Tan­go nue­vo, gegenüber: Klan­glich abwech­slungsre­ich for­men die bei­den Musik­er die Dos piezas breves para vio­la y piano (1949) zu einem kon­trastieren­den Gegen­satz­paar, während sie im bekan­nten Le Grand Tan­go (1962) trotz ver­schwen­derisch­er Melodiegestal­tung nicht so recht an die Wirkung der alter­na­tiv­en Vio­lon­cel­lobe­set­zung her­ankom­men.
Zum Abschluss erklin­gen – umfan­gre­ich­ster und zugle­ich prob­lema­tis­chster Beitrag – die ursprünglich für Flöte kom­ponierten und gele­gentlich auch von Geigern inter­pretierten Seis estu­dios tan­guís­ti­cos (1987): Zwar kann die ohne Rück­halt des Klaviers agierende Bratschistin in vie­len rhyth­misch geprägten Pas­sagen ihre solis­tis­chen Qual­itäten unter Beweis stellen, doch wider­streben die stark an der Idiomatik des Blasin­stru­ments ori­en­tierten Reg­is­ter­wech­sel und Sprünge über weite Streck­en hin­weg ein­er wirk­lich überzeu­gen­den Gestal­tung. Beson­ders deut­lich wird dies im langsamen Anx­ieux et ruba­to, wo die Vio­la in den höheren Reg­is­tern gele­gentlich auf­grund ihres Klangcharak­ters zu direkt wirkt. Ob es schließlich unbe­d­ingt nötig gewe­sen ist, die vor­liegende Scheibe als Blu-ray zu pro­duzieren, kann man anzweifeln, da der klan­gliche Mehrw­ert dieses For­mats bei der Solo- und Duobe­set­zung eher mar­gin­al erscheint.
Ste­fan Drees