Nino Rota

Concerto No. 2

per violoncello e orchestra, Studienpartitur

Rubrik:
Verlag/Label: Schott, Mainz 2017
erschienen in: das Orchester 09/2017 , Seite 68

Musik unser­er Zeit? Es spricht für die Offen­heit seines Edi­tion­spro­gramms, dass der Ver­lag Schott im Rah­men sein­er „Gel­ben Rei­he“ – hier fan­den einst Avant­gardis­ten wie Bernd Alois Zim­mer­mann und Krzysztof Pen­derec­ki ihre ver­legerische Heim­statt – ein Werk wie das 2. Cel­lokonz­ert von Nino Rota veröf­fentlicht. Und dies im Jahr 2017, über vierzig Jahre nach sein­er Entste­hung. Denn wie ließe sich heute, in Zeit­en der Post-Avant­garde, die musikalis­che Gegen­wart tre­f­fend­er charak­ter­isieren denn als Patch­work, als Gle­ichzeit­igkeit des Ungle­ichzeit­i­gen, als Zeit­tableau, auf dem uns eine beispiel­lose stilis­tis­che Vielfalt umgibt? Im Grunde eine ide­ale Sit­u­a­tion: Nach Jahren der Grabenkämpfe herrscht endlich Plu­ral­ität; keine stilis­tis­che Rich­tung kann für sich beanspruchen, die eigentlich rich­tung­weisende zu sein.
Oder sprechen wir hier von einem deutschen Prob­lem? Haben sich andere Län­der – zumal die angel­säch­sis­chen, aber vielle­icht auch unser Traum­land Ital­ien – nicht stets leichter getan mit poly­stilis­tis­ch­er Gle­ichzeit­igkeit? Fest ste­ht: Nino Rotas 1973 ent­standenes 2. Cel­lokonz­ert ist Musik unser­er Zeit und hat alle Berech­ti­gung, als solche wahrgenom­men zu wer­den. Zudem war der Kom­pon­ist ein echter Kön­ner: 1911 geboren, galt Rota als kom­ponieren­des Wun­derkind und schloss bere­its 18-jährig sein Studi­um in Rom ab. Später wirk­te er als Pro­fes­sor in Bari und schuf ein umfan­gre­ich­es Œuvre, darunter zehn Opern sowie weit­ere Bühnen‑, Konz­ert- und Kam­mer­musikkom­po­si­tio­nen. Seine größten Erfolge feierte Rota als Filmkom­pon­ist, unter anderem für Fed­eri­co Felli­ni, Luchi­no Vis­con­ti und Fran­co Zef­firelli. Mit sein­er Musik zu Fran­cis Ford Cop­po­las Der Pate gewann Nino Rota einen Oscar.
Wer vor diesem Hin­ter­grund ein spätro­man­tis­ches, gar im Korngold’schen Fahrwass­er plätsch­ern­des Cel­lokonz­ert erwartet, wird über­rascht sein: Rotas Musik trägt aus­ge­sprochen klas­sizis­tis­che Züge. Die Orch­esterbe­set­zung bleibt im klas­sis­chen Rah­men: dop­peltes Holz, zwei Hörn­er, zwei Trompe­ten, Pauken, Stre­ich­er. Das Konz­ert beste­ht aus zwei Sätzen, einem Alle­gro mod­er­a­to in lupen­rein­er Sonaten­haupt­satz­form sowie einem Vari­a­tio­nen­satz, der in der Sequenz sein­er Abschnitte die tra­di­tionell erwart­baren Folgesätze – Ada­gio, Scher­zo, Finale – zusam­men­fasst. Höchst char­mant – und zudem mit­tels Motivumkehrung aufeinan­der bezo­gen – präsen­tieren sich die Haupt­the­men der bei­den Sätze, die jew­eils in ungetrübtem G‑Dur begin­nen und enden. Dem Soloin­stru­ment ist alles gegeben, was ihm und seinen Spiel­ern frommt: große Kan­tile­nen, flinke Pas­sagen in hohen Lagen, rup­pige C‑Sait­en-Attack­en, Dop­pel­griffe und Arpeg­gien. Und stets behan­delt der Kom­pon­ist das Orch­ester so, dass es dem Soloin­stru­ment freie Luft zum Atmen lässt.
Weshalb Wid­mungsträger Mstislav Ros­tropow­itsch das Werk links liegen­ließ, wis­sen wir nicht. War es selb­st ihm „zu klas­sisch“? Erst nach Rotas Tod erlebte es 1987 seine Pre­miere. Heute sei das Werk als Musik, die Freude bere­it­et, allen Cellovir­tu­osen her­zlich emp­fohlen.
Ger­hard Anders