David Popper

Concerto No. 1 op. 8

for Violoncello and Orchestra, hg. von Tecwyn Evans / Martin Rummel, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Paladino
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 67

Mit Freude erblick­ten wir […] das Streben des Com­pon­is­ten, sich aus dem pot­pour­ri­ar­ti­gen Style der meis­ten Vio­lon­cell­stücke emporzuar­beit­en und mehr Ein­heit in die Com­po­si­tion zu brin­gen.“ Mit diesen Worten informierte die Neue Zeitschrift für Musik (NZfM) im Jan­u­ar 1866 ihre Leser über eine Novität, die kurz zuvor im schle­sis­chen Löwen­berg durch die dor­tige, hoch ange­se­hene Hofkapelle aufge­führt wor­den war: das 1. Cel­lokonz­ert von David Pop­per (1843–1913).
Seit 1863 war der nach­mals berühmte Musik­er – er machte als Solo­cel­list der Wiener Hofop­er, Solist und Lehrer Kar­riere – auf Empfehlung Hans von Bülows am Löwen­berg­er Hof angestellt. Wenige Jahre zuvor hat­te sich Fürst Friedrich Wil­helm Con­stan­tin von Hohen­zollern- Hechin­gen den nieder­schle­sis­chen Ort zur Res­i­denz auser­wählt. Er ließ einen Konz­ert­saal bauen, gehörte zu den Grün­dern des „All­ge­meinen deutschen Musikvere­ins“ und wurde zu einem wichti­gen Musik­mäzen. Den Rezensen­ten-Worten zufolge dürfte das Löwen­berg­er Orch­ester ein­er der pro­fes­sionell­sten Klangkör­p­er sein­er Zeit gewe­sen sein. Beim Durch­blät­tern der NZfM-Aus­gaben dieser Jahre stellen wir erstaunt fest, dass Kor­re­spon­den­ten­berichte aus Löwen­berg selb­stver­ständlich neben solchen aus Leipzig, Berlin und New York ein­gerei­ht sind.
Die Urauf­führungsrezen­sion des ersten Pop­per-Konz­erts – in der vor­liegen­den Par­ti­tu­raus­gabe lei­der nur in englis­ch­er Über­set­zung wiedergegeben – berichtet, dass das neue Werk „viel Piquantes und Wirkungsvolles“ biete, obgle­ich es dem Kom­pon­is­ten „noch nicht voll­ständig gelun­gen sei, Herr der Form zu wer­den und zu ein­er vol­lkomme­nen Ein­heit im Styl zu gelan­gen“. Diesen Ein­drück­en kön­nen wir uns anschließen: Manch­es mutet, wenn nicht „pot­pour­ri­ar­tig“, so doch recht episodisch an, und überdies ver­mit­teln einige Pas­sagen den fatal­en Ein­druck von Landgewin­nung mit­tels Sequen­zierung und Streck­ung. Und auf die Gefahr des Beckmesserns: Ger­ade die Instru­men­ta­tion, vom Rezensen­ten der NZfM anno 1866 dur­chaus gelobt, erscheint doch gele­gentlich steif und ungeschickt.
Gle­ich­wohl gilt dem Ver­lag Pal­adi­no und seinem umtriebi­gen Spir­i­tus Rec­tor Mar­tin Rum­mel, der als bril­lanter Solist die Werke Pop­pers und viel­er ander­er kom­ponieren­der Cel­lis­ten auf­führt und auf Ton­träger ein­spielt, Dank und Respekt. Vir­tu­osen wie Pop­per hat­ten großen Anteil an der Weit­er­en­twick­lung ihrer Instru­mente und ihres Reper­toires und generell an der Lebendigkeit des Musik­lebens im 19. Jahrhun­dert. Es wäre bedauer­lich, blieben sie uns lediglich als Autoren stra­paz­iös­er Etü­den in Erinnerung.
Pop­pers erstes Cel­lokonz­ert bietet dem Solis­ten alles, was Cel­lospie­len span­nend und dankbar macht: auss­chwin­gende Kan­tile­nen, spielerische Arabesken in hohen Lagen, ras­ante Läufe, Dop­pel­griff und Oktavpas­sagen. Und den Haupt­the­men der drei ineinan­der überge­hen­den Sätze – ins­beson­dere des romanzen­haften Andante maestoso und der anschließen­den „knack­i­gen“ Polac­ca – fehlt es nicht an Charme.
Ger­hard Anders